Die „Nützlichen“ durften leben, die „Unnützen“ sollten sterben
Bertram Wolf und Heinz Fechner haben einen Dokumentarfilm über den Mord an psychisch Kranken im Dritten Reich gedreht.
Von Alexandra Plank
Innsbruck –Der zufällige Fund eines Gräberverzeichnisses im Psychiatrischen Krankenhaus in Hall 2011 war für Bertram Wolf und Heinz Fechner der Anlass, eine Dokumentation über die Euthanasie zu drehen. Mittlerweile wurden die Gräber freigelegt und die Skelette untersucht. Eine Historikerkommission kam zum Schluss, dass systematische Tötungen in Hall nicht nachweisbar seien.
Wolf und Fechner schließen sich in ihrem Film „Tote lügen nicht“ diesem Befund an. „Es ist am Beispiel der Psychiatrie in Hall aber ganz klar die Ideologie der Nazis ablesbar: Die ,Nützlichen‘, jene, die arbeiten konnten, durften leben, die ,Unnützen‘ sollten sterben“, sagt Wolf. 298 Haller Patienten wurden in Schloss Hartheim vergast.
Jahrzehntelang war die Geschichte der Psychiatrie Hall gut unter einem Parkplatz versteckt. „Meine Mutter konnte sich vor dem KZ retten, für mich war dieser Film auch eine persönliche Vergangenheitsbewältigung“, erzählt Fechner. Der Parkplatz stehe als Symbol dafür, wie Österreich mit dem Thema Euthanasie, jener Vernichtungsmaßnahme der Nazis, die die größte Akzeptanz bei den Menschen fand, umgehe. „Vor einem Monat kam ich mit einem Mann ins Gespräch und erzählte ihm von den Film. Er erklärte, er sei auch dafür, dass Behinderte und psychisch Kranke ausgemerzt werden sollen“, erzählt Fechner.
In der vierjährigen Recherche gingen die beiden Filmemacher an ihre Grenzen. „Wir haben Hinterbliebene besucht und sie nach ihren Erinnerungen befragt. Da war unglaublich viel Scham und Angst da“, so Wolf. Besonders unter die Haut ging ein Gespräch mit dem Innsbrucker Arzt Karl Nemec, der die Gaskammer in Hartheim, in der seine Großmutter getötet wurde, in Augenschein nahm. „Er war so erschüttert von dem, was er gesehen hat, dass er sich heillos betrunken hat“, erzählt Fechner.
Den Filmemachern sei es zum einen darum gegangen, einzelne Schicksale aufzuzeigen und zum anderen zu belegen, wie bürokratisch organisiert und industrialisiert die Euthanasie war. Sie lief überall nach demselben Muster ab. Bertram Wolf hat auch den deutschen Euthanasie-Spezialisten Ernst Klee kontaktiert. Klee riet Wolf, nur über die Anstalt Hall zu berichten, da er dort alles Wesentliche finden würde.
Aus dem Gräberfund in Hall haben Fechner und Wolf dann die Geschichte über die gesamte Euthanasie im Dritten Reich entwickelt. „Es war besonders schwierig für uns, Bilder für das Schwarz-Weiß-Denken und das Aussortieren zu finden“, erzählt Kameramann Fechner. Plötzlich hatte er ein passendes Bild vor Augen: nämlich die in schwarzen und weißen Fliesen ausgelegte Gaskammer in Bernburg. Die beiden verbrachten vier Stunden in der Gaskammer. „Das war mit Abstand der schlimmste Dreh. Wenn man weiß, dass hier Hunderte Menschen zusammengepfercht wurden, dass sie in Panik waren und es bis zu 20 Minuten dauerte, bis sie starben“, sagt Wolf.
Auch wenn in Hall keine aktive Euthanasie nachgewiesen werden konnte, müssen die Zustände schrecklich gewesen sein. Die Hälfte der Toten aus dem Gräberfeld wies Rippenbrüche auf, viele zehn und mehr, die nicht in den Krankenakten vermerkt waren. Aus einem Dokument geht hervor, dass die Patienten in einem noch schlechteren Zustand als KZ-Häftlinge waren. Die Filmemacher wünschen sich, dass der Film auch an den Schulen gezeigt wird.
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