Erfolg für Roberto Ciulli mit „Eines langen Tages Reise in die Nacht“
Mülheim (APA/dpa) - Regisseur Roberto Ciulli, kürzlich 80 geworden, gilt als Meister seines Fachs, gleichermaßen versiert in der Klassik wie...
Mülheim (APA/dpa) - Regisseur Roberto Ciulli, kürzlich 80 geworden, gilt als Meister seines Fachs, gleichermaßen versiert in der Klassik wie in der Moderne. Seine Inszenierung von Eugene O‘Neills „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ siedelte er im Spannungsfeld von psychologischem Realismus und absurdem Theater an. Ciulli gelang in Mülheim mit seinem Ensemble ein ebenso tiefgründiger wie kurzweiliger Abend.
Im Mittelpunkt steht Mary, die Mutter der Familie Tyrone. Sie ist morphiumsüchtig, alle wissen es: Vater James und auch Jamie und Edmond, die erwachsenen Söhne - aber alle schweigen, wenn sie nicht gerade zu stark dem Whiskey zugesprochen haben. Lebenslüge und Selbstbetrug beherrschen die Familie und werden von der jungen Generation weitergetragen.
Am stärksten betont Ciulli die existenzielle Seite des Vierakters: „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ steht hier für das zum Grab hineilende Leben. Die Schauspieler sind leicht weiß geschminkt. Klaus Herzog als Vater James hat eine auffallend rote Nase - nicht nur, weil er ein starker Trinker ist, sondern er soll auch an einen Clown erinnern. Die absurden Dramatiker fassen den Menschen als Clown auf - und tatsächlich gilt O‘Neill in der Theatergeschichte als genialer Vorläufer der Absurden wie Beckett und Ionesco.
Das ganze Ensemble spielte glänzend. Simone Thoma entfaltet alle Facetten der Falschheit; ihre Mary Tyrone, eine eisenharte, engherzige, dünkelhafte Egoistin, gibt sich als fragile, mädchenhafte Mutter; sie spielt ihre körperliche Zerbrechlichkeit gnadenlos aus. Niemand wagt, wegen ihrer zur Schau gestellten Schwäche, sie ernsthaft zur Rechenschaft zu ziehen. Zusätzlich greift Mutter Mary strategisch, wie alle, die anderen Familienmitglieder an; ihre Schuldzuweisungen dienen dazu, von den eigenen Lastern abzulenken und die Gegner vor Attacken abzuschrecken.
Ciulli und sein Ensemble malen so ein Porträt, das völlig im Gegensatz zur heilen Familie steht, wie sie sonst so gern (nicht nur) in den Vereinigten Staaten beschworen wird. Die Diagnose, die O‘Neill seinem Meisterwerk als kritischen Kern eingeschrieben hat: Sein Land, die USA, seien im Kern krank, zerrüttet. Dennoch entwickelt die Verlogenheit, die immer wieder neu und anders thematisiert wird, neben dem Ernst auch eine große Komik - die Akteure haben offensichtlich Freude, diese Raffinesse und Komplexität der Charaktere zu spielen. Die kurze, nur knapp zweistündige Aufführung gewinnt so neben Tiefe und Scharfsinn auch Witz und Unterhaltsamkeit.
Alte Meister wie Ciulli überzeugen durch Erfahrung, Können und Vielschichtigkeit. Der begeisterte Beifall nach der Premiere am Donnerstag in Mülheims Theater an der Ruhr wollte nicht enden.
(S E R V I C E - http://www.theater-an-der-ruhr.de)
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