Angst der Türken vor Anschlägen der Miliz „Islamischer Staat“ wächst
Ankara/Istanbul (APA) - Die Angst der Türken vor Anschlägen der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) wächst. Fast 60 der Bevölkerung zeigen ...
Ankara/Istanbul (APA) - Die Angst der Türken vor Anschlägen der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) wächst. Fast 60 der Bevölkerung zeigen sich überzeugt, dass sich die Jihadisten bereits in der Türkei organisiert haben. Mehr als die Hälfte glaubt an eine Unterstützung des IS durch die Regierung. Ankaras Haltung gegenüber Terroristen manövriert das Land zwischen die Fronten.
Bei den türkischen Sicherheitsbehörden herrscht seit Donnerstag neuerlich Alarmstufe rot. Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ soll in sieben Städten - Istanbul, Ankara, Izmir, Gaziantep, Konya, Adana und Kilis - Selbstmordattentate planen, berichtete die türkische Zeitung „Taraf“. Umso mehr überraschte, dass die türkischen Behörden in der Vorwoche 29 aus dem Ausland angereiste Jihadisten des IS, darunter einen Deutsch-Türken, in der Provinz Kilis aufgriffen und wieder freiließen, mit der Begründung, es gebe keine rechtliche Grundlage für eine Festnahme.
Der türkische Whistleblower Fuat Avni hat bereits Ende September in einem Tweet gewarnt, dass die sunnitische Terrormiliz „IS“ ihre Zellen im ganzen Land verteilt und Waffendepots angelegt habe. Die Türkei befinde sich im Belagerungszustand, schrieb Avni. „Innerhalb und außerhalb des Landes sitzen die Jihadisten, im Osten des Landes die PKK und über der Grenze der Erzfeind Bashar al-Assad.“
Die aufgeheizte Stimmung in der Türkei durch die weiter von der Terrormiliz belagerte Kurdenstadt Kobane an der Grenze zu Syrien hält weiter an. Immer wieder geraten Islamisten und Anti-IS-Gegner aneinander. Am Donnerstag wurde bekannt, dass die Unruhen zwischen Kurden, Anti-IS-Gegnern, Islamisten und türkischen Rechten in den vergangenen Wochen ihr 49. Todesopfer gefordert haben.
Neuesten Umfragen des Meinungsforschungsinstituts Gezici zufolge glauben mehr als 53 Prozent der Türken, dass Terrorgruppen wie der „Islamische Staat“ und Al-Kaida die Unterstützung der AKP-Regierung genießen. Über 58 Prozent sind der Meinung, dass die Jihadisten des IS bereits in der Türkei Fuß gefasst haben. Die Zahl derer, die der Regierung Hilfestellung für die Terrormiliz unterstellen, sei im Steigen begriffen, schreibt die türkische Online-Zeitung „Gazeteport“.
Den Umfragen zufolge ist die Zustimmung für die AKP auf 41 Prozent zurückgegangen. Mit der Angst vor einem Überschwappen des Terrors auf das eigene Land droht der Regierung ein Verlust des Rückhalts in Teilen ihrer Wählerschicht. Bei den Kommunalwahlen im März versammelte die islamisch-konservative Regierung noch rund 46 Prozent der Wähler hinter sich.
Innerhalb der Bevölkerung ist die Wahrnehmung des „Islamischen Staates“ hinsichtlich seines Bedrohungspotenzials geteilt. Immer noch sind fast 14 Prozent der Türken der Ansicht, der IS sei keine Terrororganisation, mehr als neun Prozent konnten sich zu überhaupt keiner Einstufung durchringen. Eine ähnliche Umfrage des Instituts Metropoll im September ergab, dass mehr als die Hälfte der Befragten zwar von künftigen Anschlägen in der Türkei ausgehen. Unter den AKP-Anhängern ist aber die Angst vor einer realen Bedrohung durch den „Islamischen Staat“ am geringsten.
Im Hinblick auf den Friedensschluss mit der als Terrororganisation eingestuften Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) ist ein Teil der Türken zudem dem Dilemma ausgesetzt, welche Terrorgruppe für die Türkei die größere Gefahr darstellt. Die Entscheidung zwischen der PKK und der sunnitischen Terrormiliz IS ist für viele eine Wahl zwischen Pest und Cholera. Beinahe zwei Drittel lehnen die Gespräche des türkischen Geheimdienstes mit dem auf der Gefängnisinsel Imrali inhaftierten Kurdenführer Abdullah Öcalan ab, knapp 85 Prozent glauben nicht, dass die PKK ihre Waffen niederlegen wird.
Für Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan ist die Lage eindeutig: „Die einen wie die anderen sind Terroristen“, erklärte er am Donnerstag während eines Besuches in Lettland. In Kobane gebe es keine Zivilisten mehr, sondern nur mehr 2.000 Kämpfer der syrischen Kurdenpartei PYD, die sich mit dem IS bekämpften. Er fügte hinzu, dass die syrische PYD gleichzusetzen sei mit „der Terrororganisation PKK, die mein Land spaltet“.
Kommentare