Bauernregeln, Blumen, Meteorologen: Wie wird der Winter?

Apere Hänge oder meterhoch Schnee? Laut urigen Wetterpropheten, Bienen und einer Pflanze sowie den alten Bauernregeln erwartet uns ein strenger Winter. Nur die Wissenschaft rechnet wieder mit zu warmen Monaten.

  • Artikel
  • Diskussion

Von Matthias Christler

Das sagen die Wetterschmöcker

An diesem Wochenende kann der Winter geplant werden: Braucht es eine Saisonkarte, lohnt sich ein Skiurlaub oder wird es wieder ein trauriger Winter wie zuletzt? Gestern Abend hatten die Innerschyzer Wetterschmöcker ihre Versammlung und auf ihre Prognose vertrauen viele Menschen mehr als auf langfristige meteorologische Tendenzen.

Die sechs urigen Wetterpropheten aus dem Muotathal kosten den Schnee, schauen sich die Winter der letzten 100 Jahre an, beobachten Feldmäuse oder Ameisen und nehmen Holzspäne in den Mund. Ihr Präsident Josef Bürgler weiß, dass inzwischen die ganze Schweiz und seit YouTube-Videos sowie einer Facebook-Seite immer mehr Menschen im Alpenraum die Prognosen herbeisehnen: „100-prozentig richtig liegen unsere sechs Wetterschmöcker nicht“, gibt Bürgler zu. Den heurigen Herbst haben aber immerhin fünf von sechs richtig vorausgesagt. Der Suter Peter, der im vergangenen Jahr mit seiner Winter-Deutung am nächsten lag, wusste etwa schon im Mai, dass „im Herbst ein schönes Ernte- und Wanderwetter“ zu erwarten sei.

„Es ist ein richtiger Wettkampf, jeder möchte der Beste sein und die genaueste Prognose haben. Und wenn sie einmal nicht stimmt, wird man auch öffentlich kritisiert“, sagt Bürgler. Zu der Versammlung waren an die 1000 Personen geladen, um die sechs Wetterschmöcker zu hören. Vorab wollte Bürgler noch nicht ins Detail gehen, aber auch er selbst hat schon gewisse Zeichen erkannt. Er als Präsident dürfe nicht mitmachen beim Wettkampf, Erfahrung hat er genug. Wie der jetzt schon gefallene Schnee schmeckt, wie sich Pflanzen und Tiere verhalten, das deutet für ihn ganz eindeutig auf eine für viele Winterfans freudige Prognose hin. „Wahrscheinlich gibt es einen besseren Winter als letzte Saison, auf alle Fälle kälter.“

Das sagen Blumen und Bienen

Die Wetter-App am Handy mag ja praktisch und mit Daten aus aller Welt vollgestopft sein, doch hin und wieder lohnt sich ein Blick vor die Haustür. In die Natur. Zu Bienen und Blumen. Wenn etwa die Bienenvölker alle Fugen sehr früh mit Harz verkitten, wird der Winter hart. Der Imker Meinrad Falkeis kennt das, will sich aber nicht festlegen: „Es ist heuer nicht so auffallend, vermutlich war es ein bisschen früher der Fall als sonst“, wagt er einen leichten Ausblick auf einen schneereichen und kalten Winter.

Wenn es nach Martin Reiters Beobachtung geht, wird sich der Schnee sogar einige Meter hoch türmen. Seit Kindheitstagen hat er Augen für das Wetter, beobachtet Nebel, Schwalben und Blumen – ein Winter-Indikator ist für ihn die Königskerze. Wenn sie noch spät im Jahr blüht, dann soll uns auch ein tiefer Winter blühen. Und ihr Wachstum zeige eben auch die hoch anwachsenden Schneemengen an.

In Buch bei Jenbach hat Reiter heuer ein zwei Meter hohes Exemplar entdeckt. „Die Königskerzen sind heuer außergewöhnlich zahlreich und zudem besonders hoch. Das kenne ich seit Jahren nicht mehr“, warnt er vor außergewöhnlich dicken Schneedecken.

Das sagen die Bauernregeln

„Ist der Oktober warm und fein, kommt ein scharfer Winter hinterdrein.“ Das klingt zu einfach, um wahr zu sein. Der deutsche Meteorologe Karsten Brandt hat in seinem Buch „Was ist dran an Bauernregeln?“ auch diese Regel untersucht. Und sie stimmt in Westösterreich in sieben von zehn Jahren. „Die Bauern haben die Wahrscheinlichkeit bestimmter Wetterentwicklungen mit lustigen Sprüchen, damit sie leicht zu merken sind, an die nächste Generation überliefert“, erklärt er. Der Landwirt sei früher „eine lebende Wetterstation“ gewesen. „Er konnte ganz rudimentäre Beobachtungen machen, weil er ständig draußen war. Von seinem Standort aus konnte er die weitere Entwicklung aus der Erfahrung einschätzen.“

Mit viel mehr Daten arbeiten die Wetterdienste, um Zusammenhänge zu erkennen und damit das Wetter vorauszusagen. „Die großen Dienste entdecken Langzeitprognosen gerade. Aber da geht es nicht darum, für einen Tag in einem Jahr vorauszusagen, ob es regnet oder nicht, sondern um die Wahrscheinlichkeit.“ Ob es eher zu warm, zu trocken oder eben zu viel oder zu wenig Schnee geben wird.

Wer die dicken Schneedecken schon herbeisehnt, darf dabei nicht auf die ausgleichende Gerechtigkeit der Natur hoffen. Nur weil der Sommer verregnet war, heißt das nicht, dass der Winter toll wird. „So funktioniert das nicht.“ Was man schon sagen kann, erklärt Brandt, ist, „dass noch so ein warmer Winter sehr unwahrscheinlich sein sollte“.

Die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) widerspricht ihm. Vor wenigen Tagen wurde die Saisonprognose für November bis Jänner veröffentlicht: Die Wahrscheinlichkeit für überdurchschnittliche Temperaturen liege demnach bei über 60 Prozent. Wetterschmöcker, Bienen oder die Wissenschaft – lassen wir uns einfach überraschen, wer im Nachhinein dann Recht gehabt hat.


Kommentieren


Schlagworte