Islamisten oder Liberale - Tunesier wählen Parlament
Tunis (APA/dpa) - In der Medina von Tunis ist am Wahlsonntag wenig los. In den verwinkelten Gassen der Altstadt, wo unter der Woche ein rege...
Tunis (APA/dpa) - In der Medina von Tunis ist am Wahlsonntag wenig los. In den verwinkelten Gassen der Altstadt, wo unter der Woche ein reges Markttreiben herrscht, haben die Händler ihre Jalousien heruntergezogen. Nur in einer kleinen Schule in dieser armen und ziemlich heruntergekommenen Ecke der tunesischen Hauptstadt haben sich zahlreiche Menschen versammelt, um über das künftige Parlament abzustimmen.
Habiba, eine alte Frau mit Kopftuch hat gerade gewählt. Sie setzt auf einen Sieg der weltlichen Allianz Nidaa Tounes. „Ich hoffe, dass sie die Terroristen bekämpfen“, sagt sie.
Terrorismus war neben der Wirtschaftskrise das große Wahlkampfthema in dem nordafrikanischen Land. Erst am Freitag hatten Spezialkräfte westlich von Tunis ein Haus gestürmt, in dem sich mehrere Extremisten verschanzt haben sollen - sechs mutmaßliche Jihadisten wurden getötet. Am Wahltag sicherten landesweit 80.000 Polizisten und Soldaten die Abstimmung ab. An jedem Wahllokal waren sie in großer Zahl präsent, in Uniform und in Zivil, aber mit Handschellen in der Tasche oder Minikopfhörer.
Die zweite freie Abstimmung über eine Legislative seit dem Sturz von Langzeitherrscher Zine el Abidine Ben Ali 2011 läuft auf einen Zweikampf hinaus: Zwischen der säkularen Allianz Nidaa Tounes und der islamistischen Ennahda. Bei der letzten Wahl vor drei Jahren hatte Ennahda mit großem Abstand gesiegt. Diesmal sehen Umfragen die liberale Allianz vorn. Eine absolute Mehrheit wird wohl niemand erringen. Nidaa Tounes profiliert sich als Kraft gegen Extremisten. Aber auch die Ennahda betont immer wieder, sie habe nichts mit Dschihadisten zu tun.
Unter den Männern und Frauen, die vor den Wahllokalen auf die Stimmabgabe warten, geben sich insbesondere die Anhänger von Nidaa Tounes stolz zu erkennen. So auch im tunesischen Bezirk Lafayette, wo eher die moderne Mittelschicht lebt und sich seit den frühen Morgenstunden lange Warteschlangen vor den Wahlurnen bilden. Ein weißer Lieferwagen wird vor einer Schule in der Rue Marseille von den Polizisten mit Maschinenpistolen durchgewunken, er bringt Nachschub für die Wahlhelfer: Dutzende weiße Plastiksackerl mit Schokokeksen, Kartoffelchips und einem Apfel. Dazu Coladosen und jede Menge Wasserflaschen.
„Es wird Zeit, dass Demokraten in Tunesien die Macht übernehmen und nicht die Islamisten“, sagen etwa die Eheleute Anis und Samia. „Jetzt oder nie“, betonen beide. Abdullah aus der Tourismusbranche sagt lediglich lapidar, er stimme „nicht für die Bärte“. Lamia wiederum wählt „den Mann, den jeder in diesem Land liebt“. Sie meint damit den 87-jährigen Vorsitzenden der Nidaa Tounes, Ex-Premierminister Beji Caid Essebsi, der auch bei der Präsidentenwahl im November kandidiert.
Nur mit dem Thema Terrorismus aber wird sich die Wahl nicht entscheiden lassen. Vor allem in den armen und ländlichen Regionen, spielen eher Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit eine wichtige Rolle. Denn obwohl sich Tunesien von allen Ländern des Arabischen Frühlings nach den Umstürzen von 2011 politisch noch am besten entwickelt hat, kommt wirtschaftlich noch nicht viel bei den Menschen an. Und dort, wo viele Tunesier in Armut ausharren, sind nach wie vor die Islamisten stark.
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