Kunst

Unter der Krone und in Tavernen

Der auch sonst prominent bestückte Wiener Ausstellungsherbst erfährt mit dem spanischen Großmeister Velázquez im KHM einen Höhepunkt. Zu sehen sind dort auch Infantinnen-Porträts aus Schloss Ambras.

Von Ivona Jelcic

Wien –Da stehen sie in Reih und Glied, die spanischen Infantinnen: Zarte, blondgelockte Mädchen in ausladenden Roben, kindliche Gesichter, repräsentative Posen, eingenommen auch im Dienste der höfischen Heiratspolitik: Machtpolitisch motiviert werden die spanischen und österreichischen Zweige des Hauses Habsburg eng miteinander verflochten, viele dieser Porträts dienten als Brautwerbegeschenke, man könnte ihren Schöpfer Diego Rodríguez de Silva y Velázquez (1599–1660) also auch als eine Art königlich konzessionierten Kuppler bezeichnen.

Der Hofmaler Philipps IV. von Spanien war freilich sehr viel mehr: Der „Maler der Maler“, gegen den die anderen „gänzlich wie Fälscher“ erscheinen, so rühmte Eduard Manet Velázquez rund 200 Jahre nach dessen Tod. Da feierten die Impressionisten den Spanier gerade als Vorbild und Vorläufer, bei dem sie die Wirkung von Licht und reiner Farbe in „impressionistisch“ aneinandergereihten Farbtupfern vorweggenommen sahen. Man kann das gerade auch an den Infantinnen-Bildnissen nachvollziehen, von denen das eine oder andere normalerweise in der Habsburger Porträtgalerie von Schloss Ambras zu bewundern ist und nun (wie etwa das Porträt der spanischen Königin Maria Anna) ins Haupthaus nach Wien gereist ist: Velázquez’ fast schon lässig hingeworfene „Fleckenmalerei“, aus der sich eine ungeheuer realistische Darstellung zusammenfügt, wird besonders an den Kleider- und Stoffdetails sichtbar. Da bleibt, wie in dem in der Schau gezeigten ORF-Film über Velázquez zu sehen ist, auch einigen heutigen Berufskollegen noch die Spucke weg.

Velázquez im Kunsthistorischen Museum (KHM) ist das Superlativ des Wiener Ausstellungsherbstes. Auch weil es sich um die erste Präsentation im deutschsprachigen Raum überhaupt handelt. Dass sie zustande gekommen ist, liege, so Kuratorin und Direktorin der Gemäldegalerie Sylvia Ferino, an den guten Beziehungen zum Madrider Prado, dem man im vergangenen Jahr Werke aus den eigenen Beständen überlassen hatte. In freudiger Erwartung einer Gegenleistung, jetzt u. a. in Form der „Anbetung der Könige“, „Apollo in der Schmiede des Vulkan“ oder „Prinz Baltasar Carlos zu Pferd“ auch eingelangt. Sie ermöglichen es, den Blick nicht allein auf die dynastischen Porträts, sondern eben auf das Gesamtwerk des spanischen Großmeisters zu lenken. Auf sein berühmtestes Werk, zu dem Philosophen und Kunsthistoriker Abertausende Seiten an Analysen und Interpretationen verfasst haben, musste man freilich verzichten. „Las Meninas“ mit der fünfjährigen Königstochter Margarita umgeben von ihren Hoffräulein und dem Maler selbst, ergänzt lediglich als Reproduktion den „royalen“ Saal. Von dem aus man sich auch zu jenen Themen weiterbewegt, die Velázquez abseits seiner Aufgaben als Porträtmaler des Königs interessierten: Mythen, Fabeln, in ihrer Lebendigkeit besonders eindrückliche Tavernenszenen oder auch den wohl berühmtesten liegenden weibliche Rückenakt der Kunstgeschichte, die „Venus mit dem Spiegel“, besser bekannt als „Rokeby Venus“.

Velázquez malte sie just zu einer Zeit des finanziellen und politischen Niedergangs, als der spanische Zweig der Habsburger kurz vor der Auslöschung stand. Die Kunst aber eine Blütezeit erlebte, was für Velázquez wohl weit bedeutsamer war: Hatte er doch stets darunter gelitten, dass die Malerei in Spanien noch lange als „Handwerk“ galt, während sie in Italien schon zu Zeiten von Velázquez’ Vorbild Tizian geadelt worden war.

Velázquez sollte schließlich doch noch den Ritterschlag erhalten. Das zeitigt – noblesse oblige – auch noch bei der aktuellen Monarchenriege Wirkung: Zur Eröffnung am Montag ist Spaniens Königin Letizia angereist.