Nationalfeiertag

War-Requiem: Erinnern im großen Rahmen

Gewaltiges Gedenken: Benjamin Brittens monumentales „War-Requiem“ erklang am Nationalfeiertag erstmals in Tirol.

Von Armin Berger

Innsbruck –Am Nationalfeiertag mahnte Dirigent Claudio Büchler in Zusammenarbeit mit dem Tiroler Sängerbund vor Kriegsgräueln. Dabei entstand ein Abend Tiroler Hochkultur par excellence: Mit dem Tiroler Symphonieorchester Innsbruck, seinem Kammerorchester, den Solisten Michael Schöch (Orgelpositiv) und Alexander Ringler (Klavier), dem Opernchor des Landestheaters, den Chören des Mozarteums und des Konservatoriums, dem Kammerchor Walther von der Vogelweide und den Wiltener Sängerknaben fanden rund 300 Mitwirkende für Benjamin Brittens 1962 uraufgeführtes „War-Requiem“ zusammen. Der geplante Südtiroler Männerchor war kurzfristig ausgefallen.

Eine spartenübergreifende Zusammenarbeit rundum: Siegfried Antonello Schwendtner gestaltete eine ebenso sensible wie künstlerisch ansprechende Simultanprojektion und Sonja Niedertscheider verfasste eine Neuübersetzung der englischen Originaltexte von Wilfred Owen. International waren die vorzüglichen Solisten: Josefine Weber, Sopran, Yves Saelens, Tenor, und Richard Morrison, Bariton.

Wegen der großen Anzahl an Musikern musste das Konzert in der akustisch heiklen Dogana des Congress Innsbruck stattfinden. Um nicht von Bass und Schlagwerk übertönt zu werden, wurde über Boxen sensibel verstärkt, was fast unmerklich glückte: Die Klangbalance geriet überzeugend auf ganzer Linie.

Büchler hatte sich bereits am Tiroler Landestheater einen Ruf als exquisiter Britten-Dirigent erworben. Diesen Ruf machte er nun auch beim „War-Requiem“ alle Ehre: Eineinhalb Stunden schaffte er es, den großen Saal in den durchgängigen Zauber konzentrierter Ruhe zu versetzen.

Ohne dramatisch groß oberflächlich aufzutrumpfen, ließ er die leisen Zwischentöne entstehen und erzielte damit in der Tiefe Wirkung. Weber, mit großem Sopran im Chor positioniert, sang einfühlsam mit wohlgeführtem Vibrato. Saelens runder Tenor war kräftig, ohne heldenhaft zu forcieren. Morrison nahm mit erzählerischem Duktus und schlank geführtem Bariton für sich ein.

Der zusammengesetzte Chor überraschte nicht nur mit großer Textverständlichkeit, sondern auch mit durchwegs rundem Klang sowie ausdrucksstark mit Verständnis für den Inhalt. Einzeln gut vorbereitet, erreichte er nun auch zusammen ohne viel Proben eine erstaunliche Homogenität.

Phantastisch einmal mehr auch die Wiltener Sängerknaben auf der Empore, die mit Orgelbegleitung kräftig und mit ausgefeilter Artikulation die Fremdsprache vergessen ließ. Lebendig agierten auch die Orchester: Fern von romantischem Schwelgen waren die feindynamischen Artikulationen, durch welche die Musik Brittens zum Leben erweckt wurde, angedeutet. Ein denkwürdiges Ereignis!