Entgeltliche Einschaltung

Die „Gazellen“ des IS: Warum Muslima in den Krieg ziehen

Kairo (APA/dpa) - Als die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) begann, Enthauptungsvideos westlicher Geiseln zu verbreiten, wurde eine junge...

  • Artikel
  • Diskussion

Kairo (APA/dpa) - Als die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) begann, Enthauptungsvideos westlicher Geiseln zu verbreiten, wurde eine junge Britin mit einer einzigen Twitter-Nachricht in der globalen Jihad-Szene berühmt. „Großbritannien wird jetzt wachgerüttelt, haha. Ich will die erste Britin sein, die einen UK- oder einen US-Terroristen tötet“, schrieb sie unter dem Twitter-Namen @Ash_Shamiyyah - „Die Syrerin“.

Hinter dem mittlerweile gelöschten Account steckt die Muslima Khadijah Dare. Die 22-jährige Konvertitin soll diesen Sommer nach Syrien gegangen sein. Die „Terroristen“, die sie töten will, sind in ihren Augen jene, die hinter den Regierungen in Washington und London und deren Kampf gegen den IS stehen. In Syrien und im Irak kontrolliert die IS-Miliz je gut ein Drittel des Landes und hat ein „Kalifat“ ausgerufen.

Entgeltliche Einschaltung

In Syrien könnte Khadijah Dare ihren gruseligen Traum Wirklichkeit werden lassen: Berichten zufolge hat sich Dare in Al-Raqqa - der auserkorenen Hauptstadt des Kalifats - der Al-Khansaa-Brigade angeschlossen. Al-Khansaa bedeutet „Gazelle“. Es ist eine IS-Kampfeinheit, die nur aus Jihadistinnen besteht. Die „Gazellen“ werden vom IS im Internet beworben: Videos zeigen voll verschleierte Frauen, die mit Kalaschnikows durch die Straßen von Al-Raqqa patrouillieren. Auf Fotos halten sie abgetrennte Köpfe von IS-Gegnern in die Höhe. Die Aufnahmen sind das brutale Gegenstück zu den Propagandavideos kurdischer Kämpferinnen im Kampf gegen den IS.

Die Khansaa-Brigade wurde nach Angaben des IS bereits kurz nach Einnahme des nordsyrischen Al-Raqqa durch die Extremisten gegründet. Ihr Ziel sei es, die Einhaltung islamischen Rechts unter Frauen zu kontrollieren und jene zu „bestrafen, die sich nicht an die Gesetze halten“, sagte ein IS-Kommandant der syrischen Beobachterseite Syria Deeply. „Jihad ist keine reine Männerpflicht. Auch Frauen müssen ihren Anteil erfüllen.“

50 x € 100,- Heizkostenzuschuss zu gewinnen

TT-ePaper 4 Wochen gratis ausprobieren, ohne automatische Verlängerung

Neben der Al-Khansaa-Brigade soll es in Al-Raqqa mindestens eine weitere reine Fraueneinheit geben. Eine Aussteigerin berichtete dem Fernsehsender CNN, eine Brigade umfasse rund 30 Frauen. Die Jihadistinnen würden andere Frauen in den eroberten Gebieten drangsalieren. Mädchen, deren Burka-Stoff angeblich zu dünn sei, würden geschlagen und verhaftet. Auch den Verkauf von yezidischen Frauen an Männer sollen die Brigaden organisieren.

„Ungläubige Frauen als Sklaven zu halten ist Ibada, ein Akt der Glaubensverrichtung“, twitterte Umm Hussain al-Britani, eine von der Presse als 45-jährige Britin identifizierte Konvertitin, die vor Monaten nach Al-Raqqa ging.

Laut der Terrorismusforscherin Katherine E. Brown vom Londoner King‘s College wünschen sich die Frauen, die nach Syrien reisen, zum einen als sogenannte „Jihad-Bräute“ mit Kämpfern verheiratet zu werden und Kinder zu gebären. Mehr noch würden aber viele in einer Art „naiver Romantik“ die Hoffnung hegen, selbst beim Aufbau eines islamischen Staates helfen zu können.

Das vermeintliche IS-Kalifat in Syrien und im Irak liefert so vor allem zugereisten Kämpferinnen eine Perspektive, die ihnen der Westen nicht aufzeigen kann: eine Bestätigung ihrer religiösen Identität im Einklang mit beruflichen Chancen. Im Internet präsentieren sich die Jihadistinnen mit Arztkittel, anderen beim Kuchenbacken. Der norwegische Islamforscher Thomas Hegghammer bezeichnet diese Inszenierungen als eine dem westlichen Stereotyp der unterdrückten Muslima entgegengesetzte „Jihad-Girlpower“.


Kommentieren

Entgeltliche Einschaltung