Entgeltliche Einschaltung

Dem Krieg auf der Spur: „Mein weißer Frieden“ von Marica Bodrozic

Wien (APA) - Seit 1983 lebt Marica Bodrozic in Deutschland. 1973 in Dalmatien geboren, ist sie zunächst in der von Tito geprägten Volksrepub...

  • Artikel
  • Diskussion

Wien (APA) - Seit 1983 lebt Marica Bodrozic in Deutschland. 1973 in Dalmatien geboren, ist sie zunächst in der von Tito geprägten Volksrepublik Jugoslawien aufgewachsen und dann in Hessen zur Schule gegangen. Heute lebt die vielfach ausgezeichnete Autorin in Berlin. In ihrem Buch „Mein weißer Frieden“ unternimmt sie eine Reise in ihre frühere Heimat und stellt fest: Die Wunden des Kriegs sind nicht verheilt.

Es ist keineswegs eine nur emotionale Wiederbegegnung mit Städten und Landschaften ihrer Kindheit, die Bodrozic festhält, wenngleich Spaziergänge über die Promenaden von Split vom Gedanken überschattet werden, was die hier anwesenden Männer in den Jahren des Kriegs getan haben mögen, auf welcher Seite sie gekämpft hatten und für welche Verbrechen sie möglicherweise verantwortlich waren. Auch die Momente, in denen sie an Bushaltestellen in der Krajina, dem Schauplatz blutiger ethnischer Säuberungen, alte Schmierereien mit Totenköpfen entdeckt und den Spruch „Der Sommer ist da, uns dürstet nach Braten, das wird eine schöne Leckerei, wir grillen uns Kroaten“, verlängern den Schrecken von einst unmittelbar in die Gegenwart.

Entgeltliche Einschaltung

Aber Marica Bodrozic sucht auch das Gespräch und die Reflexion. Selten genug gelingt es ihr, vor Ort die Mauer des Verschweigens und Verdrängens zu durchbrechen, immer auf der Hut, sich nicht plötzlich wieder einer gegnerischen Partei zugeordnet zu finden. Der Mechanismus, dem sie auf allen Seiten begegnet, gleicht jenem in Deutschland und Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg. Aus Distanz besehen macht das, was man einander noch vor wenigen Jahren angetan hat, was einem angetan wurde, so fassungslos, dass man möglichst nicht beginnen will, sich damit zu befassen.

Viele Überlegungen werden in diese Spurensuche und diese Gespräche eingeflochten. Bodrozic fragt sich, was aus Jugoslawien geworden wäre, hätten integre Intellektuelle und Persönlichkeiten wie Bogdan Bogdanovic, Vlado Gotovac oder Dubravka Ugresic die Geschicke des Landes bestimmt und nicht Menschen wie Franjo Tudjman, Slobodan Milosevic oder Radovan Karadzic. Und sie beruft sich auf Ruth Klüger, Erich Fromm oder Karl Jaspers, wenn sie darüber grübelt, ob der erlebte Schrecken dazu geführt hat, dass er nicht wiederholbar ist.

Was sich vor wenigen Jahren mitten in Europa ereignet hat, von der Belagerung von Sarajevo und der Beschießung Dubrovniks über Folterlager und Massenmord bis zum Bombardement Belgrads, lässt sich nicht mehr wegblenden und wirkt zeitlich wie geografisch weiter. Das macht Marica Bodrozic deutlich.

Ausgerechnet in Dayton/Ohio, wo die jugoslawische Nachkriegsordnung beschlossen wurde, wird die Autorin bei der Einreise von US-Behörden in einem entwürdigenden Verfahren in die Mangel genommen, bloß weil ihr Name verdächtig und ihre Reise in kein Muster zu passen scheint. Wenn die humanistischen Werte und die Freiheit des Einzelnen im Namen ihrer Verteidigung missachtet werden, habe sich ein mentaler Krieg ausgebreitet, der nicht mehr lokalisierbar sei, so Bodrozic, der während der Prozedur immer wieder ein Satz aus Jean-Jacques Rousseaus „Gesellschaftsvertrag“ in den Sinn kommt: „Einigen wir uns also auf das folgende: Stärke schafft kein Recht.“

Man müsse Krieg und Unmenschlichkeit mit geistigen Waffen bekämpfen, betonte Bodrozic vor wenigen Tagen bei den Europäischen Literaturtagen in Spitz. Angst davor, zwischen allen Stühlen, in der Heimatlosigkeit zu landen, solle man nicht haben: „Der Raum dazwischen ist ein guter Platz zum Denken.“

(S E R V I C E - Marica Bodrozic: „Mein weißer Frieden“, Luchterhand Literaturverlag, 336 S., 20,60 Euro)


Kommentieren

Entgeltliche Einschaltung