Bürgermeisterwahl

Kampf um das Zentrum der Macht: Washington wählt seinen Bürgermeister

Muriel Bowser ist die Favoritin für den Washingtoner Bürgermeistersessel.
© Facebook/Muriel Bowser

In der US-Hauptstadt finden am 4. November zeitgleich mit den „Midterms“ Bürgermeisterwahlen statt. Im Kampf um den Posten streiten sich drei Kandidaten - doch das Rennen scheint schon entschieden.

Von Nike Laurenz und Lisa Duhm, dpa

Washington – Vergitterte Fenster und verwahrloste Vorgärten, zerfallene Veranden, die einzige Einkaufsmöglichkeit in der nahen Umgebung ein Spirituosenmarkt: Der Südosten Washingtons, seit jeher Problemgegend, steht im krassen Gegensatz zum prunkvoll-sauberen Image der US-Hauptstadt. Im Südosten leben vornehmlich Afroamerikaner, viele haben keinen Job.

Die Themen, die von Politikern im Endspurt zur Bürgermeisterwahl am 4. November heiß diskutiert wurden, bestimmen hier das tägliche Leben: Arbeitslosigkeit, ein marodes Schulsystem, sanierungsbedürftige Straßen.

Bis heute, Dienstag, hatte Muriel Bowser Zeit, die Menschen in Washington D.C. davon zu überzeugen, dass sie diese Probleme lösen kann. Und es sieht gut für sie aus: Die 42-jährige Demokratin gilt als Favoritin der Wahl. Sie tritt gegen die beiden unabhängigen Kandidaten David Catania und Carol Schwartz an. Letztere trat bereits zweimal zur Bürgermeisterwahl an, beide Male noch als Republikanerin.

Bei einer ihrer Wahlkampfveranstaltungen in einer Bar nahe des südlich liegenden Eastern Market wird Bowser bereits als zukünftige Bürgermeisterin von Washington angekündigt. Die dunkelhäutige Frau im blauen Blazer trägt das Haar kurz, sie lacht viel, begrüßt jeden im Raum persönlich. „Ich will in Schulen investieren, in das Metro-System. Die Menschen in D.C. sollen gute Jobs kriegen, die gut bezahlt werden“, ruft sie den Versammelten entgegen.

Mit diesen Parolen hofft Bowser, gerade im Süden der Stadt weitere Stimmen zu gewinnen. Denn viele der hier lebenden Menschen glauben, dass Bowser eher den wohlhabenderen Norden Washingtons repräsentiert. „Die Meisten denken, dass sie zu wenig Erfahrung hat, um eine arme Gegend wie diese in den Griff zu kriegen“, sagt Yawmeen, Taxifahrer im Problembezirk.

Das haben Einige schon vor ihr versucht. Die Probleme, die im aktuellen Wahlkampf auf der Agenda stehen, prägen schon lange die Geschichte der Stadt. Das Gefälle zwischen Arm und Reich ist in kaum einer anderen US-amerikanischen Stadt größer als hier, fand eine Studie des Instituts für Steuerpolitik DCFPI vergangenes Jahr heraus.

Schon 1964 führte der Bürgerrechtler Martin Luther King den berühmten „Marsch auf Washington“ durch die Stadt, am Lincoln Memorial hielt er seine „Ich-habe-einen-Traum“-Rede, in der er sich für Gleichberechtigung aussprach. Seitdem bekleideten nur Dunkelhäutige das Amt des Bürgermeisters von Washington. Die Stadtoberhäupter sorgten immer wieder für Skandale: Der jetzige Bürgermeister Vincent Gray geriet 2010 wegen einer Parteispendenaffäre in die Schlagzeilen. Im April verlor der Demokrat dann die innerparteilichen Vorwahlen und darf deswegen nicht erneut antreten. Marion Barry, der zwischen 1979 und 1999 insgesamt 16 Jahre Bürgermeister der Stadt war, wurde mehrmals wegen Drogenkonsums und Steuerhinterziehung verhaftet.

Taxifahrer Yawmeen blickt lieber auf die Zukunft der Stadt als auf ihre Geschichte. Er ist Afroamerikaner wie viele hier. Man müsse positiv denken, sagt er. „Wir haben zwar Probleme hier im Südosten der Stadt, aber es wird besser. So schlimm, wie es einmal war, ist es schon lange nicht mehr.“ Wen er am 4. November wählt? „Für mich gibt es keine Alternative zu Muriel.“