Die Griechen-Pogrome in der Türkei

Istanbul (APA) - Vor 59 Jahren, in der Nacht vom 6. auf den 7. September 1955, begannen in der Türkei antigriechische Pogrome, die dazu führ...

Istanbul (APA) - Vor 59 Jahren, in der Nacht vom 6. auf den 7. September 1955, begannen in der Türkei antigriechische Pogrome, die dazu führten, dass nahezu hunderttausend Angehörige der Minderheit das Land verließen. Ausgelöst wurden die blutigen Ausschreitungen mit Dutzenden von Todesopfern in Istanbul und Izmir vordergründig durch den Zypern-Konflikt.

Die mit Wirtschaftsproblemen kämpfende Regierung des Ministerpräsidenten Adnan Menderes brauchte auch Sündenböcke, die sie in den - ökonomisch starken - christlichen Nachfahren des 1453 untergegangenen Byzantinischen Reiches fand. Ein fanatisierter Mob setzte in Istanbul 72 orthodoxe Kirchen und über 30 Schulen in Brand, schändete christliche Friedhöfe und verwüstete rund 3.500 Wohnhäuser und mehr als 4.000 Geschäfte. Die Polizei sah untätig zu, wie geplündert, vergewaltigt und zu Tode gequält wurde.

Die blinde Zerstörungswut schilderte in seinen Jugenderinnerungen der prominente Autor Orhan Pamuk, der sich wegen „öffentlicher Herabsetzung des Türkentums“ vor Gericht verantworten musste. Der 1995 verstorbene berühmte Schriftsteller und Dramatiker Aziz Nesin sprach von „Menschen, die Monster wurden“.

Wegen der strategischen Bedeutung der Türkei im Kalten Krieg drückten die USA beide Augen zu, Griechenland stellte aus Protest vorübergehend die Mitarbeit in der NATO ein. Großbritannien, damals noch Kolonialmacht in Zypern, sah sich mit dem bewaffneten Widerstand der griechischen Untergrundbewegung EOKA unter General Georgios Grivas konfrontiert und suchte ein Bündnis mit der Türkei. (1956 deportierten die Briten den Ethnarchen, den Führer der griechischen Zyprioten, Erzbischof Makarios, auf die Seychellen. Er sollte 1960 der erste Präsident des unabhängigen binationalen Inselstaates werden, der seit der türkischen Invasion 1974 geteilt ist).

Erst nach dem türkischen Militärputsch 1960 - auf den die Hinrichtung von Menderes am 17. September 1961 folgte - kam die Wahrheit ans Licht: Die Griechen-Pogrome waren von der Regierungspartei unter Einsatz des Staatsapparats vorbereitet worden. Nationalistische Zerstörungstrupps wurden per staatlicher Eisenbahn nach Istanbul befördert, von Parteifunktionären und Polizisten instruiert und mit Werkzeugen ausgestattet.

Der Ökumenische Patriarch Athenagoras, das Oberhaupt der orthodoxen Christenheit, harrte im belagerten, aber nicht gestürmten Phanar aus. Er konnte darauf verweisen, dass der muslimische Eroberer Konstantinopels, der osmanische Sultan Mehmed Fatih, das Patriarchat nicht angetastet hatte.

Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert waren auf dem Gebiet der heutigen Türkei mehr als zwanzig Prozent der Bevölkerung Christen, heute erreicht ihre Zahl kaum ein Promille. In Istanbul leben weniger als 2.000 Griechen mit türkischer Staatsbürgerschaft. Nach dem griechischen Massenexodus von 1955 wanderten seit den siebziger Jahren nochmals über 150.000 Christen aus der Türkei aus, insbesondere aus dem südöstlichen Tur Abdin, dessen Bewohner ein mit dem Aramäischen, der Sprache Christi, verwandtes Idiom sprechen.

Die wenigen verbliebenen Christen stehen auch heute vor Problemen. So fehlt eine öffentlich-rechtlichen Struktur der Glaubensgemeinschaften für das ganze Land. Die EU kritisiert in ihrem Fortschrittsbericht außerdem, dass die Priesterausbildung noch immer unmöglich ist. Ohne Erfolg fordert Brüssel bisher die Wiedereröffnung der 1971 vom Staat geschlossenen orthodoxen Priesterakademie auf der Insel Halki (Heybeli).