Gesundheit

Verbrauch von Psychopharmaka in Seniorenheimen steigt an

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Die Bewohnervertretung Tirol geht davon aus, dass rund die Hälfte der Heimbewohner Psychopillen bekommt. Nicht immer sei der Einsatz medizinisch gerechtfertigt.

Von Alexandra Plank

Innsbruck –In Österreichs Seniorenheimen nehmen viele Einwohner Psychopharmaka. Das ist Fakt und wird von niemandem bestritten. Ob der Einsatz von Psychopillen aber immer medizinisch indiziert ist, darüber gehen die Meinungen weit auseinander.

Erich Wahl, Bereichsleiter der Bewohnervertretung Tirol/Salzburg, verzeichnet einen Anstieg bei den Verschreibungen ohne psychiatrische Diagnose. „Unruhesymptome, Schlafprobleme, Traurigkeit und sogenannte Verhaltensauffälligkeiten werden oft mit Psychopharmaka behandelt“, erklärt der Bereichsleiter. Konkrete Zahlen liegen nicht vor, er geht aber davon aus, dass rund die Hälfte der Heimbewohner Psychopillen verschrieben bekommt. Diese Behandlung sei oft nicht nur eine Freiheitsbeschränkung, sondern meistens fehle auch eine rechtswirksame Zustimmung der Patienten zu dieser medizinischen Maßnahme. Reinhard Griener, Qualitätsmanager der Innsbrucker Soziale Dienste (ISD), bestreitet gar nicht, dass der Einsatz von Psychopharmaka in Pflegeheimen hoch ist. „Der Anteil von Bewohnern mit dementiellen Symptomen oder psychiatrischen Krankheiten nimmt über die letzten Jahre deutlich zu – dass hier die Gabe von Psychopharmaka häufiger wird, ist auch durchaus plausibel“, so Griener. Er sei weiters überzeugt davon, dass eine Verordnung von Psychopharmaka durch die Ärzte nicht unreflektiert passiert, sondern über einen fachgerechten diagnostischen Prozess erfolge.

Die Referentin für Palliative Care, Angelika Feichtner, hat ihre Masterarbeit zu diesem Thema verfasst. Sie war auch jahrelang im Sozialkompetenz Zentrum Rum als Pflegedienstleiterin tätig. „Als ich mit meiner Arbeit begonnen habe, war ich entsetzt darüber, wie viele Heimbewohner gestürzt sind. Es hat sich herausgestellt, dass mehr als die Hälfte der Bewohner Psychopharmaka bekommen“, so Feichtner. Leider werde dieser Umstand viel zu wenig diskutiert. Feichtner spricht Klartext: „Es ist so, dass Psychopharmaka oft nur eingesetzt werden, um die alten Menschen ruhigzustellen.“ In internationalen Studien werde dieser überschießende Einsatz von Psychopillen als „strukturelle Gewalt“ gewertet.

Feichtner kritisiert die derzeit vorherrschenden Bedingungen in den Heimen scharf. „Ich habe es selbst erlebt, dass wir zu zweit für 70 Bewohner in der Nacht zuständig waren“, sagt sie. Mehr Aufmerksamkeit und mehr Zuwendung wären der Schlüssel im Umgang mit dementen Menschen, dann könnte der Einsatz von Psychopharmaka massiv gesenkt werden.

Artur Wechselberger, Präsident der Österreichischen Ärztekammer, stellt klar, dass kein Mediziner leichtfertig Psychopharmaka verschreibt. Er weist darauf hin, dass vor allem die derzeitigen Umstände in den Pflegeheimen Auslöser für psychiatrische Krankheitsbilder sind. Er würde als Erstes den „fürchterlichen“ Minutenschlüssel, Vorgabe, wie lange welche pflegerische Tätigkeit dauern darf, abschaffen. „Der ist zutiefst inhuman.“

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