Radiosendung

Ein Mordfall wird zur digitalen Schnitzeljagd

Adnan Syed wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Zu Unrecht?
© Serial

Eine wöchentliche US-Radio-Sendung über einen 15 Jahre zurückliegenden Mord liegt an der Spitze der weltweiten iTunes-Charts.

Von Silvana Resch

Innsbruck –Die halbe Welt rätselt derzeit darüber, ob der sympathisch klingende Adnan Syed nun seit 15 Jahren zu Recht für den Mord an seiner Ex-Freundin im Gefängnis sitzt oder ob er Opfer eines US-Justizskandals wurde. Die US-amerikanische Journalistin und Radiomoderatorin Sarah Koenig hat das Verbrechen, dem die 17-jährige Schülerin Hae Min Lee zum Opfer fiel, und den darauf folgenden Gerichtsprozess im Podcast „Serial“ akribisch genau aufgearbeitet. Seit Oktober verstrickt sie die weltweit wachsende Hörerschaft allwöchentlich in einen Kriminalfall um zwei junge Liebende, der nach Fiktion klingt, aber Fakt ist. Eine Highschool-Lovestory, wie man sie aus TV-Serien kennt: Zwei beliebte, sportliche Schüler mit Migrationshintergrund verlieben sich, müssen die Beziehung wegen falschem kulturellen Background aber jeweils vor ihren Familien verheimlichen. Bis diese Jugendliebe schließlich zerbricht, Adnan soll seine Ex-Freundin aus Eifersucht erdrosselt haben.

Die Aussage seines Kumpels Jay, der ihm geholfen haben will, die Leiche in einem Park zu verstecken, führt zu seiner Verurteilung. Doch der Fall ist voller Ungereimtheiten, zu viele Details, die nicht passen wollen. So wurde etwa eine junge Frau, die Adnan ein Alibi für den Tatzeitpunkt liefert, nie von der Verteidigung kontaktiert. Belastungszeuge Jay widerspricht sich von Aussage zu Aussage und Adnan selbst bestreitet nach wie vor jede Schuld. Es ist nicht nur diese Geschichte voller Widersprüche, die den Hörer in ihren Bann zieht, sondern auch die Art und Weise, wie Koenig diesen Mordfall aufrollt, die Menschen weltweit fesselt.

Nach dem ersten Treffen mit Adnan fragt sich die Journalistin etwa, ob jemand mit solch warmen, braunen Augen tatsächlich einen Mord begehen könnte. Um sich gleich darauf selbst zu ermahnen, wie idiotisch dieser Gedanke doch sei. Die Einladung zum Mitspekulieren könnte auf der Website serialpodcast.org nicht expliziter ausfallen: Eine akkurate Zeitleiste vom 13. Jänner 1999, dem Tag, an dem Hae Min Lee ermordet wurde, kann hier studiert werden, ebenso eine Personenliste, die zeigt, in welcher Beziehung diese zueinander stehen, Gerichtsprotokolle und Handylogdaten.

Beim Amsterdamer IDFA, dem größten Dokumentarfilmfestival der Welt, wurde „Serial“ unlängst mit dem Doc- lab Award für digitales Storytelling ausgezeichnet, nicht weil es so innovativ, sondern weil es so packend sei, heißt es in der Jury-Begründung.

Medien feiern das Projekt indes als „Renaissance der Radiokunst“ (NZZ) oder als „neues Genre des Audio-Storytellings“ (Guardian). Im Internet ist „Serial“ ohnedies längst zum Phänomen geworden. Abende werden via Facebook organisiert, an denen gemeinsam der neuen Folge gelauscht wird, hitzige Diskussionen gibt es u. a. auch auf Reddit.com, wo die mutmaßliche Schuld oder Unschuld von Adnan die User in zwei Lager spaltet. Youtube-Parodien begleiten das Projekt ebenso wie eigene Podcasts. Bei all dem Hype gibt es freilich auch Kritik, schließlich gibt es hier ein echtes Opfer und auch die Persönlichkeitsrechte eines Täters wollen gewahrt sein. Andere Hörer stoßen sich indes daran, dass es vielleicht nie eine „richtige“ Auflösung in diesem Fall geben könnte. Zumindest diesen Spekulationen wird nun ein Ende bereitet, der letzte Podcast wird heute veröffentlicht.