150 Jahre Ringstraße - Das Kaiserforum und andere ungebaute Fantasien

Wien (APA) - Die Wiener Ringstraße war nicht nur das wahrscheinlich gewaltigste städtebauliche Projekt der Donaumonarchie. Von Anfang an war...

Wien (APA) - Die Wiener Ringstraße war nicht nur das wahrscheinlich gewaltigste städtebauliche Projekt der Donaumonarchie. Von Anfang an war der Pracht-Corso auch Schauplatz architektonischer Fantasien, die nie Wirklichkeit wurden. Die Entwürfe reichen vom gigantischen Kaiserforum über Adolf Loos‘ radikale Neugestaltungsspielereien bis hin zu Plänen der Nazis, den Ring bis an die Donau zu verlängern.

Als Basis für die Bebauung des ehemaligen Glacis vor den Festungsmauern der Inneren Stadt diente ein 1858 entworfener Grundplan. Darauf wurde gewissermaßen die grobe Struktur des künftigen Boulevards festgelegt. Während für die öffentlichen Gebäude Wettbewerbe ausgeschrieben wurden, wollte sich um das Areal vor den Hofstallungen - dem jetzigen Museumsquartier - das Kaiserhaus selbst kümmern. Am Ende langwieriger Ideensammlungen stand schließlich das Konzept des damals wichtigsten deutschen Architekten Gottfried Semper. Er bezog den noch unbebauten Platz vor der Hofburg mit ein und konzipierte ein imperiales Forum als beeindruckendes Herzstück der Ringstraße.

„Das Kaiserforum hätte den Louvre in Paris sicherlich in den Schatten gestellt“, so der Architekturhistoriker Andreas Nierhaus, der für das Wien-Museum gerade eine Ausstellung über die Anfänge des Prachtstraße vorbereitet, im APA-Gespräch. Konkret hätte sich das als riesige Piazza gestaltete Ensemble über eine längliche Ausdehnung von einem halben Kilometer erstreckt. Begrenzt wäre das Forum von den Hofstallungen, den beiden Museen für die Habsburgischen Sammlungen und einer Neuen Hofburg am jetzigen Heldenplatz gewesen. Damit der Ring die beiden seitlichen Areale nicht trennen würde, waren als Verbindungen Triumphbögen vorgesehen. „Bemerkenswert ist, dass schon Kaiser Franz Joseph beim Anschauen des Plans befürchtet hat, dass die Bögen zu Verkehrsproblemen führen würden“, betont Nierhaus.

Realisiert wurden freilich nur das Natur- und Kunsthistorische Museum sowie ein Flügel der Neuen Hofburg, in dem jetzt zu großen Teilen die Nationalbibliothek untergebracht ist. Diesen Trakt hätte ursprünglich die kaiserliche Familie bewohnen sollen, im nie begonnenen gespiegelten Zwillingsflügel gegenüber waren Gästezimmer geplant, für die nur in Ansätzen angedeutete Stirnfront Fest- und Ballsäle vorgesehen. Der Grund für die Nichtvollendung sei weniger das Geld gewesen, sagt Nierhaus: „Es gab einfach keinen Bedarf nach dieser überdimensionierten Showarchitektur.“ Anfang des 20. Jahrhunderts gab es mehrere abgespeckte Vorschläge, den Heldenplatz doch noch volksgartenseitig zu bebauen und damit den Forumscharakter einigermaßen zu retten. Nichts davon wurde allerdings realisiert.

Zur gleichen Zeit waren die frühen Abschnitte des Rings gewissermaßen schon wieder historisch. Nicht zuletzt deshalb machte sich Adolf Loos 1912/1913 daran, das Ringstraßen-Konzept neu zu denken. „Er hat einfach so getan, als gebe es noch keine Bebauung“, erklärt der Wien-Museum-Kurator. In Loos‘ Gedankenspielen verläuft der Straßencorso entlang der Zweierlinie. Konzeptionell war sein Boulevard weniger homogen angelegt und konzentrierte sich mehr auf einzelne urbane Platzensembles, die in der echten Variante eigentlich fehlen. So rückte der Architekt die Staatsoper etwa auf die andere Straßenseite, das dadurch freiwerdende Areal imaginierte er als gegen den Ring hin offenen Platz mit direkter Verbindungsachse zur Karlskirche. Eine Art Kaiserforum schwebte ihm ebenso vor wie ein Stadion gegenüber dem Rathaus, dessen Frontseite nicht Richtung City, sondern Richtung Josefstadt schauen sollte.

Das Besondere an den Loos‘schen Stadtplanungsfantasien: Im Gegensatz zur tatsächlichen Bebauung wurden hier radikale Adaptierungen in der Inneren Stadt mitgedacht. „Er greift massiv ein und schlägt breite Achsen durch den ersten Bezirk“, erläutert der Architekturhistoriker. Damit sollten großzügige Boulevards nach Pariser Vorbild entstehen. Ganze Häuserblöcke rund um die Kärntner Straße oder zwischen Graben und Freyung radierte Loos aus dem Stadtplan. Das Projekt sei aber freilich von Anfang an als reine Utopie gedacht und niemals baubar gewesen.

Durchaus auf Umsetzung angelegt schienen hingegen die Planungen der Nationalsozialisten: Hitlers Stadtplaner wollten - obwohl es keine rigorosen Umgestaltungspläne wie für Berlin oder Linz gab - durchaus in die bestehende Ringstraße eingreifen. Der Heldenplatz beispielsweise sollte gepflastert und zum Aufmarschareal ausgebaut werden. Gegenüber dem Hofburgtrakt war nahe dem Neuen Burgtor ein quadratischer, mit Wehrtürmen ausgestatteter Führerbau angedacht, ein Stück weiter Richtung Hofburg ein NS-Mahnmal in Form eines 30 Meter hohen Sockels, auf dem der im Volksgarten gelegene Theseustempel hätte thronen sollen.

Weiters dachten die Nazis an eine Verlängerung der Ringstraße vom Schottenring über den Donaukanal, gerade durch den zweiten Bezirk - viele der dort lebenden Juden waren zu dieser Zeit schon vertrieben oder vernichtet worden - bis hin zur Donau, an deren jenseitigem Ufer eine neue Donaustadt hätte entstehen sollen. Rückläufig hätte die Erweiterung bei der Urania wieder in die bestehende Ringstraße eingemündet. Diese Modelle seien aber ebenfalls nie auch nur im Ansatz zur Umsetzung gelangt, so Nierhaus.

Letzte „Reparaturversuche“ des repräsentativen Boulevards gab es nach dem Zweiten Weltkrieg. „In den 1950er- und teils auch noch in den 1960er-Jahren war die Ringstraße verhasst und der Historismus in der Vorstellung der Architekten das Böse selbst“, betont der Kurator. Insofern wollte man beispielsweise den halben Schwarzenbergplatz abreißen. Diverse Konzepte gab es auch für die Neugestaltung des Karlsplatzes. Ein Projekt sah etwa vor, zwei Häuserblöcke gegenüber der Oper - zwischen Operngasse und Akademiestraße - zu eliminieren und stattdessen zwei moderne Hochhäuser hinzupflanzen. Entlang der Zweierlinie hätte außerdem eine Art Kolonnadengang, also eine überdachte Säulengalerie, bis zur Karlskirche führen sollen. Doch auch derlei Überlegungen blieben Fantasie.

Laut Nierhaus wurde man sich spätestens ab Ende der 1960er-Jahre langsam (wieder) der monumentalen Bedeutung des Rings bewusst. Seither halten sich auch entsprechende Fantastereien sehr in Grenzen.