Kulturhauptstädte 2015 - Marketingchef: „Linzer waren unsere Lehrer“
Plzen (Pilsen) (APA) - Mit großem Optimismus, stabilem Budget und mittlerweile auch dem Rückhalt aus der Bevölkerung startet das tschechisch...
Plzen (Pilsen) (APA) - Mit großem Optimismus, stabilem Budget und mittlerweile auch dem Rückhalt aus der Bevölkerung startet das tschechische Pilsen ins Kulturhauptstadtjahr. Radovan Auer, Marketing-Direktor von „Pilsen 2015“, erklärte im Gespräch mit der APA, warum alles so gut funktioniert.
APA: Nicht rechtzeitig fertig gewordene Bauwerke, sich zu wenig einbezogen fühlende lokale Künstler, radikal gekürzte Budgets - viele Kulturhauptstädte mussten in den vergangenen Jahren mit Problemen kämpfen. Was haben Sie von Ihren Vorgängern für die Durchführung von „Pilsen 2015“ gelernt?
Radovan Auer: Wir haben im Vorfeld viel mit den Vertretern anderer Kulturhauptstädte wie Marseille, Kosice oder dem Ruhrgebiet gesprochen. Vor allem aber auch mit den Kollegen aus Linz. Die Linzer waren sozusagen unsere Lehrer (lacht).
APA: Worin bestanden die größten Hürden bei der Planung des Kulturhauptstadtprogramms?
Auer: Das Problem ist überall dasselbe. Du gewinnst den Titel fünf Jahre vorher, dann beginnt die Diskussion. Doch in dieser ganzen Zeit ändern sich ständig die politischen Verhältnisse: Auf Landesebene, auf der Stadtebene. Jeder hat eine unterschiedliche Vorstellung davon, wie eine Kulturhauptstadt auszusehen hat. Wenn man die Olympischen Spiele ausrichtet, ist ziemlich klar, was man zu erwarten hat. Da gibt es Skirennen, Eislaufen, Rodeln. Nicht so bei der Kulturhauptstadt. Da hat es auch in Pilsen drei, vier Jahre Diskussionen gegeben, was wir machen sollen. Vor zwei Jahren wurden dann der Programmdirektor Jiri Sulzenko und der künstlerische Leiter Petr Forman bestellt und die beiden haben dann drei bis vier große Themen festgelegt, um die herum dann das Programm erstellt wurde.
APA: Ein Blick auf das Programm vermittelt eine gewisse Niederschwelligkeit...
Auer: Uns war von Anfang an wichtig, keine hochtrabenden Kunstprojekte zu realisieren, die nur Intellektuelle ansprechen, sondern kulturelle Veranstaltungen für jedermann anzubieten. Bereits im diesen Herbst haben wir mit „Le Manege Carre“ (einem künstlerische Karussell, Anm.) 60.000 Leute angelockt. Mit dieser Veranstaltungen haben wir schließlich auch die Kritiker, die zunächst nichts mit dem Thema Kulturhauptstadt anfangen konnten, auf unsere Seite geholt. Wir werden im Laufe des Jahres auch sehr viel Kunst im öffentlichen Raum zeigen, weil wir wissen, dass nicht jeder den Weg in Galerien und Museen findet. Außerdem werden viele dieser Werke dauerhaft bestehen bleiben und das Stadtbild verändern. Das reicht von neuen öffentlichen Toiletten bis zur Neugestaltung von Sitzbänken.
APA: Wie stark ist die lokale Szene eingebunden?
Auer: Sehr stark. Es geht ja schließlich nicht nur um das Jahr 2015, sondern um einen Prozess, den wir in Gang setzen wollen. Es wäre verrückt, das ohne die Menschen zu machen, die hier leben. Sie sind es schließlich, die diese Veränderungen weitertragen werden.
APA: Bei der Eröffnung auf dem Hauptplatz soll es keine Politikerreden geben, dafür aber einen ganz speziellen Programmpunkt...
Auer: Die Kathedrale von Pilsen hatte 70 Jahre lang keine Glocken, weil sie im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen wurden. In den vergangenen Jahren hat die Bevölkerung gesammelt und am Tag der Eröffnung der Kulturhauptstadt werden diese Glocken das erste Mal erklingen. Das wird ein sehr emotionaler Moment.
APA: Hat die Finanzkrise auch ein Loch in Ihr Budget geschlagen, wie etwa in Maribor, wo gekürzt werden musste?
Auer: Glücklicherweise nicht. Das Budget wurde erst nach der Krise beschlossen, also wusste man, wie viel man ausgeben kann. Das Programmbudget von 400 Mio. Kronen (rund 15 Mio. Euro) wird zu 85 Prozent von der Stadt Pilsen getragen. Unsere Stadt ist glücklicherweise in einer guten wirtschaftlichen Verfassung. Sie trägt auch über das Programm hinaus zahlreiche Investitionen wie den Bau des neuen Theaters, das technische Museum, das Depot oder die Erneuerung der Infrastruktur.
(Das Gespräch führte Sonja Harter/APA)
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