Starke Bilder, schwache Textfassung: „Kameliendame“ in der Josefstadt

Wien (APA) - Ein unkonventionelles Liebesverhältnis in Zeiten sozialer Kälte: Alexandre Dumas‘ 1852 uraufgeführte „Kameliendame“ hätte das Z...

Wien (APA) - Ein unkonventionelles Liebesverhältnis in Zeiten sozialer Kälte: Alexandre Dumas‘ 1852 uraufgeführte „Kameliendame“ hätte das Zeug dazu, einer Neubefragung im 21. Jahrhundert standzuhalten. Das dachte sich wohl auch Regisseur Torsten Fischer, der am Donnerstagabend im Theater in der Josefstadt die Uraufführung einer neuen Bühnenfassung von Herbert Schäfer zeigte. Überzeugt hat sie nicht.

Von einer wirklichen Neudeutung des ursprünglich als Roman erschienenen Stoffs ist man weit entfernt: Der auf der Romanfassung basierende neue Stücktext, dessen Gerüst der Autor/Erzähler Dumas zu tragen hat, wirkt antiquiert, die eingestreuten Dialoge kommen streckenweise gar hölzern daher. Den Figuren, die in Rückblenden zum Leben erwecken, wird zu wenig Raum für Entwicklung gelassen, immer wieder nehmen Erklärungen, zeitliche Raffungen und Kommentare des Erzählers, der streckenweise mit der Figur des jungen Liebhabers Armand Duval verschmilzt, überhand. Was grundsätzlich ein reizvolles Setting sein könnte, um die Verbindung von Dichtung und Wahrheit zu verbildlichen, nimmt dem Stoff Dynamik.

Und so stößt selbst Sandra Cervik in der Hauptrolle der (gealterten) Pariser Kurtisane Marguerite Gautier immer wieder an die Grenzen von Fischers Regie, die sehr stark auf optische Effekte und weniger auf innere Entwicklung setzt. Auch wenn Schäfers Bühnenbild keine wirkliche zeitliche und räumliche Deutung zulässt, atmet diese „Kameliendame“ mit ihren schwarzen, pompösen Tüllröcken und Korsetten, Zylindern und Fracks, der Erwähnung von Kutschen und Soupers die Stimmung des 19. Jahrhunderts. Und dass dort die liebende Verbindung zwischen einem rechtschaffenen jungen Mann und einer Dame der Halbwelt nicht auf große Freude der Familienmitglieder stößt, ist nicht wirklich verwunderlich.

Tonio Arango tänzelt während der 100-minütigen, pausenlosen Aufführung als eine Art Impresario durch das Geschehen - mal als abgeklärter Autor Alexandre Dumas, dann wieder als Alter Ego des jungen Liebenden Armand, den Alexander Absenger mit fast schon schmerzlicher Unbedarftheit verkörpert. Dass zahlreiche Szenen neben dieser zweiten Ebene auch noch von Vertretern der Pariser Männergesellschaft und einer ganzen Reihe von Kurtisanen gespiegelt werden, mag Fischers sonstigen Engagements als Opernregisseur und einer Reminiszenz an die Ballett-Version von John Neumeier geschuldet sein. Die schlampig choreografierten Auftritte dieses stummen Chors bilden zwar immer wieder nette Effekte, lassen die Inszenierung allerdings auch streckenweise in den Kitsch abgleiten und sorgen dazu für lästige Längen.

Apropos Spiegel: Ein solcher ist auch das tragende Element in Schäfers ansonsten sehr reduziertem Bühnenbild. Immer wieder fährt ein riesiger Spiegel aus dem Schnürboden, der nicht nur das Publikum (ach, die Gesellschaft) spiegelt, sondern auch das Geschehen auf der Bühne. Die schräge Hängung ermöglicht ansonsten verwehrte Blicke auf die Vorgänge ganz nah am Boden, wohin die ausgezehrte, von Schwindsucht geplagte Kameliendame allzu oft sinkt. Erfrischend einfach sind jene Schaukeln, die die Flucht des ungleichen Paars aufs Land symbolisieren. Das unbeschwerte Schwingen durch die Sommerluft verdeutlicht die ganze Tragik der bevorstehenden, von Armands Vater (ein berührender Udo Samel bei seinem Josefstadt-Debüt) erzwungener Rückkehr nach Paris.

Dass Fischer nicht mehr aus der Besetzung der ansonsten jungen Kameliendame gemacht hat, enttäuscht. Das Spannungsverhältnis, das die Liaison einer reifen Frau mit einem Jüngling (auch in der heutigen Society-Berichterstattung) beinhaltet, bleibt unausgeschöpft. Und so trösten die kraftvollen Schauspielleistungen von Cervik, Arango oder Andre Pohl (als stets zurückgewiesener Freier Varville) nicht darüber hinweg, dass eine Neubefassung noch lange keine Neudeutung hervorbringen muss. Dennoch herzlicher Applaus.

(S E R V I C E - Alexandre Dumas: „Die Kameliendame“ nach einer Übersetzung von Ludwig von Alvensleben, Bühnenfassung von Herbert Schäfer. Uraufführung. Regie: Torsten Fischer, Bühne und Kostüme: Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos. Mit u.a. Sandra Cervik, Tonio Arango, Alexander Absenger, Udo Samel, Andre Pohl. Weitere Termine: 19., 22., 23., 25. und 26. Dezember sowie 3., 4., 13., 14., 17. und 18. Jänner. Karten und Infos unter www.josefstadt.org)