Hochvirtuos und melodienselig
Cecilia Bartolis musikalische Fundstücke aus dem barocken St. Petersburg.
Von Ursula Strohal
Innsbruck –Natürlich ist das ein Last-minute-Präsent. In schneeweißem Zobel geht ihr wacher Blick auf dem Cover des edlen Booklets in die Ferne, aber Bartoli wäre nicht Bartoli, hätte sie nicht mehr zu bieten als Eleganz im historischen St. Petersburg. Für ihr neues Projekt öffnete sich ihr das Musikarchiv des Mariinski-Theaters, in dem ungeahnte Schätze schlummern, erst nach Intervention des St. Petersburger Musikzaren Valery Gergiev.
Ihre CD „St. Petersburg“ bringt einen neuen Aspekt in die Musikgeschichte. Der Beginn der russischen Nationaloper wird im Allgemeinen im 19. Jahrhundert mit Michail Glinka angesetzt. Bartoli zeigt, dass es schon hundert Jahre zuvor Opern in russischer Sprache gab. Die zehn Vokalnummern und ein Marsch machen erstmals mit der Oper am Zarenhof des 18. Jahrhunderts bekannt.
Drei Zarinnen prägten diese Zeit, Anna Ivanowna, Elisabeth Petrowna und Katharina die Große, die ein höfisches Musikleben aufbauten. Sie holten ausländische Musiker an den Hof, zunächst bevorzugt Italiener, und deshalb enthält Bartolis Arienauswahl auch hauptsächlich Dacapo-Arien in der Art der vor 250 Jahren international modernen neapolitanischen Schule. Francesco Domenico Araia, dessen Kompositionen sie suchte, lenkte sie nach St. Petersburg. Hermann Raupach stammte aus Deutschland, von ihm singt sie Musik in russischer Sprache. Vincenzo Manfredini erweist sich als sehr einfallsreicher Komponist und Domenico Cimarosa als Mozart-Zeitgenosse, den man bisher zu einseitig kennen lernte.
Neues Repertoire also, stilistisch häufig vertraut. Herrliche Arien, von Bartoli traumhaft schön gesungen. In der Virtuosität ebenso wie im lyrischen Zauber, wie stets empfindungsreich und überschwänglich vor Musizierlust. Dabei perfekt und bezaubernd im fast instrumentalen Wettstreit mit den von Diego Fasolis oft recht handfest geleiteten Barocchisti mit den stupenden Solisten.
CD-TIPP „St. Petersburg“: Cecilia Bartoli, I Barocchisti, Dirigent Diego Fasolis (Decca).
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