EZB-Vize warnt wegen Ölpreisrutsch vor Deflationsgefahren

Frankfurt (APA/Reuters) - Der Ölpreisverfall schürt in der Europäischen Zentralbank die Furcht vor Deflation. Ähnlich wie der Chef der deuts...

Frankfurt (APA/Reuters) - Der Ölpreisverfall schürt in der Europäischen Zentralbank die Furcht vor Deflation. Ähnlich wie der Chef der deutschen Bundesbank, Jens Weidmann, rechnet auch EZB-Vizepräsident Vitor Constancio in nächster Zeit mit negativen Inflationsraten. „Kurzfristig schafft dies eine nicht einfache Situation für uns“, sagte der Portugiese in einem am Wochenende veröffentlichten Interview.

Anders als sein deutscher Kollege im EZB-Rat hält er es aber für nötig, zur Abwehr eines für die Wirtschaft gefährlichen Preisverfalls auf breiter Front notfalls auch den umstrittenen Kauf von Staatsanleihen zu erwägen, den EZB-Chef Mario Draghi jüngst in Aussicht stellte.

Alle Mittel müssten genutzt werden, argumentierte Constancio in der „Wirtschaftswoche“. Letztlich sei dies eine Sache des Risikomanagements: „Die Frage ist: Sind die Risiken höher, wenn wir etwas tun, oder wenn wir nichts tun?“ Sein belgischer EZB-Ratskollege Luc Coene ging noch weiter und beklagte die Zurückhaltung der Zentralbank: Die EZB habe bereits zu lange mit dem Kauf von Staatsanleihen gewartet, sagte Coene der Zeitung „La Libre Belgique“.

Im Gegensatz zu Constancio und Coene sprachen sich die Co-Chefs der Deutschen Bank, Jürgen Fitschen und Anshu Jain, gegen solche Käufe aus. „Die Schlüsselfrage lautet: Sorgen Anleihenkäufe nachhaltig für mehr Wachstum? Oder profitieren von dieser Maßnahme vor allem einige Akteure an den Finanzmärkten, ohne dass es den gewünschten Effekt für die Gesamtwirtschaft hat?“, sagte Jain der „Welt am Sonntag“. „Hier sollten wir von Japan lernen und nicht dieselben Fehler machen.“ Die japanische Notenbank pumpte jahrelang riesige Geldsummen in die Wirtschaft, ohne jedoch die Konjunktur dauerhaft anzuschieben.

Die Bankchefs verwiesen auf deutliche Unterschiede zwischen den Kapitalmärkten in Europa und den USA - etwa den großen US-Markt für verbriefte Immobilienkredite - und folgerten daraus, dass Anleihe-Käufe in Europa weniger wirksam seien. Die EZB entscheidet am 22. Jänner über ihren weiteren Kurs.

Der niedrige Ölpreis sei zunächst einmal ein Segen für die Konjunktur, sagte Constancio. Er könne zu stärkerem Wirtschaftswachstum führen, was wiederum längerfristig den derzeit unerwünscht niedrigen Preisauftrieb beschleunigen könnte. „Wir rechnen nun mit einer negativen Inflationsrate in den kommenden Monaten. Das ist eine Sache, die sich jede Zentralbank sehr genau anschauen muss.“ Einige Monate mit negativer Teuerung bedeuteten zwar noch keine Deflation, und bei einem vorübergehenden Phänomen sehe er keine Gefahr. Fallen die Preise jedoch über einen längeren Zeitraum, bestehe das Risiko einer wirtschaftlich gefährlichen Abwärtsspirale. „Unsere Aufgabe als Zentralbank ist es derzeit, genau das zu verhindern.“

Um gegenzusteuern, müsse die EZB alle geldpolitischen Instrumente nutzen, die ihr zur Verfügung stünden, bekräftigte Constancio. Eine Option sei dabei auch der Kauf von Staatsanleihen. „Das ist ganz legal. Und was legal ist, schließen wir nicht aus“, sagte er. Es gebe gleichwohl bei der EZB „keine Obsession, unbedingt Staatsanleihen zu kaufen“. Unterschiedliche Positionen in dieser Frage seien verständlich, und eine Entscheidung sei schwierig. Die Zentralbank müsse aber auch überlegen, „was passiert, wenn wir nichts tun“.

EZB-Präsident Draghi hatte zuletzt die Tür für breit angelegte Staatsanleihenkäufe weit geöffnet, um die maue Konjunktur und die unerwünscht niedrige Teuerung anzuschieben. Weidmann lehnt dies unter Verweis auf Risiken und Nebenwirkungen ab.

~ WEB http://www.ecb.int ~ APA226 2014-12-21/15:02