Neue Grazer Schauspiel-Chefin Laufenberg: „Nicht erklären, spielen!“

Bern/Graz (APA) - An den Grazer Bühnen steht ein weiblicher Doppel-Wechsel bevor: Mit 2015/16 folgt an der Oper Nora Schmid auf die künftige...

Bern/Graz (APA) - An den Grazer Bühnen steht ein weiblicher Doppel-Wechsel bevor: Mit 2015/16 folgt an der Oper Nora Schmid auf die künftige Bregenzer Festspielchefin Elisabeth Sobotka, am Schauspielhaus übernimmt Iris Laufenberg von der an das Volkstheater Wien wechselnden Anna Badora. Für Laufenberg wird es ihre zweite Theaterleitung: Seit 2012 ist sie am „Konzert Theater Bern“ für das Schauspiel verantwortlich.

„Ich erfülle hier meinen Drei-Jahres-Vertrag und komme dann nach Graz“, erklärt die 48-jährige Kölnerin im Interview mit der APA. „Anna Badora nimmt Künstler mit, sodass ich wirklich neu aufbauen kann“, sagt Laufenberg. „Aber das ist eine Chance. Es ist ja am Theater immer gut, wenn etwas Neues kommt. Auch das Publikum freut sich, wenn es neue Gesichter gibt.“ Wahrscheinlich ist also, dass man in Graz manche Autoren, Schauspieler und Regisseure sehen wird, mit denen sie in den vergangenen Jahren in Bern gearbeitet hat.

Unter den „Regieteams, mit denen ich bisher in Bern sehr gerne und genau an Themen der Gegenwart arbeite“ sind etwa Claudia Bauer, die in dieser Saison „Faust“ inszenierte, das argentinische Regieduo Emilio Garcia Wehbi und Maricel Alvarez, das im April eine Bearbeitung von Lorcas „Bernarda Albas Haus“ herausbringen wird, oder Jan-Christoph Gockel, der mit Philipp Löhles „Trilogie der Träumer“ ihre Intendanz eröffnet hatte. „Das hätte damals auch schiefgehen können. Ist es aber nicht.“ Dass sie eine prononcierte Verfechterin von Gegenwartsdramatik ist, hat Laufenberg auch beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens bewiesen, das sie zehn Jahre lang geleitet hat.

Stücke der deutschen Autorin Anne Lepper, deren düster­groteske Parabel „Seymour“ soeben in Bern Premiere hatte, könnten daher ebenso wie jene von Löhle auch in Graz auf dem Spielplan stehen, und dass ihr mit der Bühnenfassung von Pedro Lenz‘ Mundart-Roman „Der Goalie bin ig“ ein Dauerbrenner in Bern gelungen ist, hat die Verbundenheit zum örtlichen Publikum enorm gestärkt. Für Graz ist es Laufenberg wichtig, zu „gucken, wo wir in Europa sind, nämlich mittendrin“, so wie auch Anna Badora das getan hat, sagt die designierte Grazer Schauspielchefin. Es gehe aber nicht darum, neue Lolics, Ronens oder Bodos zu finden, sondern eigene Geschichten, die sich zu erzählen lohnen, und eigene Künstler, die dabei den richtigen Ton treffen.

Die Bedingungen in Graz scheinen der ehemaligen Dramaturgin und Festivalleiterin, die u.a. in Bonn, Bremen und Berlin gearbeitet hat, jedenfalls ideal. Das Schauspielhaus liegt mit seinen 550 Plätzen in der Mitte zwischen den beiden Spielstätten, über die sie derzeit in Bern verfügt (hinzu kommen zwei kleine Spielorte mit 100 und 50 Plätzen): In Bern hat das Große Haus, das vor allem mit Oper bespielt wird und für eine Generalüberholung länger geschlossen werden muss, knapp 800 Plätze, die Spielstätten in der Vidmar-Halle, in der auch Experimente gewagt werden können, knapp 300 bzw. 80 Sitze.

Die Schauspiel-Auslastungen an dem Vier-Sparten-Haus, für dessen Fortbestand und Renovierung die Berner Bevölkerung im November 2013 in einer Volksabstimmung mit fast 76 Prozent Grünes Licht gab, schwankten laut jüngst vorgelegten Geschäftsbericht in der Saison 2013/14 zwischen 47 Prozent für „König Lear“ im Großen Haus und 97 Prozent für „Der Goalie bin ig“.

Ein wichtiger Auftrag an Laufenberg als Schauspieldirektorin war, mit verschiedenen Produktionen ins Große Haus zurückzukehren. „Unterm Strich kann das Schauspiel sehr zufrieden sein, denn der Aufbau und die Rückkehr ins Große Haus sind geglückt, die Gesamtauslastung ist um 3.000 Zuschauer gestiegen“, sagt Laufenberg. „Klar habe ich in der Schweiz auch Max Frisch und Dürrenmatt gespielt, aber das heißt nicht, dass das Selbstläufer sind. Im Prinzip geht‘s darum, dass wir gutes Theater machen, und dass es unsere Gegenwart reflektiert. Das ist das A und O unserer Arbeit.“

Darum wird‘s auch in Graz gehen. „Wir freuen uns auf die neue Aufgabe. Früher galt die Faustregel, dass man drei bis fünf Jahre hat, um sich zu bewähren, heute gilt es wie in der Politik nach 100 Tagen: Daumen hoch oder Daumen runter? Aber auch dem werden wir die Stirn bieten.“ Mit dem Budget der Vorgängerin muss auch sie auskommen, da ist nichts draufgelegt worden. In ganz Europa leiden die Bühnen unter dem allgemeinen Sparkurs der öffentlichen Haushalte. Die gesamte Theaterlandschaft scheint derzeit vor allem in der Defensive. Wie kann das Theater wieder in die Offensive kommen? Laufenberg hat ein einfaches Rezept: „Nicht erklären, spielen!“

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(B I L D A V I S O - Bilder von Iris Laufenberg wurden am 17.6. über den AOM verbreitet und sind dort abrufbar.)