Syrische Kirchenführer üben Kritik an internationaler Gemeinschaft
London/Damaskus/Rom (APA) - Syrische Kirchenführer haben Kritik am Verhalten der Weltgemeinschaft in Syrien und im Irak geübt, das den Aufst...
London/Damaskus/Rom (APA) - Syrische Kirchenführer haben Kritik am Verhalten der Weltgemeinschaft in Syrien und im Irak geübt, das den Aufstieg der Islamisten und die Vertreibung der Christen mitverschuldet habe. „Wenn man die Syrer in Ruhe lässt“, wenn die Welt helfe, ohne Partei zu ergreifen, könnten die Syrer wieder zusammenfinden und ihr Land wieder aufbauen, sagte der syrisch-orthodoxe Patriarch Ignatios Aphrem II. in London.
In einem Interview mit der in London erscheinenden arabischen Zeitung „Asharq al-Awsat“ betonte Ignatios, Syrien gehöre dem syrischen Volk. Die beste Garantie für die Christen in Syrien sei eine „starke zivile Regierung“. Die Regierung habe Fehler gemacht, Freiheiten hätten gefehlt, ebenso politische und wirtschaftliche Reformen. Zugleich wies der Patriarch die Meinung zurück, er habe bei den letzten Wahlen im Juni Präsident Bashar al-Assad unterstützt: „Wir Christen ergreifen in diesem Konflikt nicht Partei. Wir wollen friedlich leben, aber mit Gesetz und Ordnung.“
Syrien sei eines der tolerantesten Länder des Nahen Ostens gewesen, erinnerte der Patriarch laut Ökumenischer Stiftung „Pro Oriente“. Menschen mit unterschiedlichen religiösen Bekenntnissen arbeiteten miteinander. Trotz des dreieinhalbjährigen Blutvergießens könne man auch heute noch davon ausgehen: „Die religiöse Feindschaft ist neu für uns. Bestimmte Ideologien sind nach Syrien exportiert worden, als Resultat sehen wir, wie IS (‚Islamischer Staat‘), Al Nusra und andere Gruppen das Leben von Muslimen wie von Christen bedrohen.“
In dem „Asharq al-Awsat“-Interview ging Ignatios Aphrem II. auch auf die Lage im Irak ein. Seit der Invasion der IS-Terroristen im Nordirak war der Patriarch mehrmals in der Kurden-Region, wohin die meisten Christen aus Mosul und der Ninive-Ebene flüchteten. Der Großteil hoffe nach wie vor auf Rückkehr. Aber je länger das Warten dauere, umso mehr sähen sie in Emigration den einzigen Ausweg. Ignatios kritisierte sowohl die irakische Zentralregierung als auch die kurdische Regionalregierung, weil sie die Christen nicht vor dem Ansturm der IS-Terroristen beschützt hätten. „Niemand half ihnen, weder Bagdad noch Erbil.“
Der syrisch-katholische Patriarch Ignatios Yousef III. Younan argwöhnte in einem Interview mit der katholischen Nachrichtenagentur „Zenit“, die Islamisten seien nicht zufällig so mächtig geworden: „Angesichts unserer Tragödie können wir nicht anders, als jene zu verurteilen, die zu ihrer Entstehung beigetragen haben. Ohne Zweifel sind die IS-Verbrecher nicht aus dem Nichts heraus entstanden. Es gibt einen groß angelegten politischen Plan, der mit zynischer Gleichgültigkeit die Schwächeren benutzt, um eigene geopolitische Ziele zu verwirklichen.“
Beide Patriarchen appellierten vor Weihnachten an die internationale Gemeinschaft, die Rückkehr der aus dem Raum Mosul vertriebenen Christen zu sichern. Ignatios Yousef erklärte, es sei „die Pflicht jener Nationen, die diese ungeheuerliche Situation mit geschaffen haben, sich dafür einzusetzen, dass die Gebiete, die uns genommen wurden, wieder frei werden. Es ist ihre Pflicht, uns unsere Würde zurückzugeben und angemessene und nachhaltige Lebensbedingungen zu schaffen“.
Skeptisch äußerte sich der Patriarch zu den US-Luftangriffen auf die Terrormiliz IS: „Jeder ehrliche und halbwegs einsichtige Mensch weiß, dass diese Angriffe aus der Ferne nicht ausreichen. Die Banditen des IS sind kein geregeltes Heer; sie mischen sich unter die Bevölkerung und so wird es wirklich schwierig, sie zu treffen. Außerdem haben sie sich die interreligiösen und ethnischen Konflikte zu Nutzen gemacht.“ Luftangriffe könnten den IS-Terroristen Schaden zufügen, sie aber „weder vernichten noch ernstlich einschränken“.
Ignatios Yousef beschrieb die katastrophalen Auswirkungen der IS-Offensive im Sommer. Aus der Eparchie Mosul allein mussten der syrisch-katholische Bischof und 25 Priester fliehen. Doch die schlimmste Tragödie habe sich im August ereignet, als 120.000 Familien aus den Kleinstädten der Ebene von Ninive vertrieben wurden und von heute auf morgen nach Kurdistan fliehen mussten, „ein tragischer und leidvoller Exodus“. Die syrisch-katholischen Christen traf es besonders hart. „Im Unterschied zu unseren chaldäischen Brüdern, die das Patriarchat von Babylon besitzen, haben wir keine Struktur mehr.“
Große Sorge bereite nach wie vor die Entführung der beiden Aleppiner Metropoliten Mar Gregorios Youhanna Ibrahim (syrisch-orthodox) und Boulos Yazigi (griechisch-orthodox), so Ignatios Aphrem II. Diese Tat im April 2013 empfinde er als Botschaft an die Christen in Syrien und im ganzen Nahen Osten, dass man sie verdrängen wolle. Die Täter hätten nach dem Prinzip gehandelt, „den Hirten zu schlagen, damit sich die Herde zerstreut“. Die Kirche hege trotz allem weiter Hoffnung. In die Causa seien Präsidenten, Regierungen und kirchliche Verantwortungsträger aus aller Welt eingeschaltet worden.