1895 meldete die „Schweiz. Depeschen-Agentur“ ...
Bern (APA/sda) - In Frankreich bahnt sich der Dreyfus-Skandal an, Bundesrat Schenk brütet über der Frage der Schulsubventionierung, und der ...
Bern (APA/sda) - In Frankreich bahnt sich der Dreyfus-Skandal an, Bundesrat Schenk brütet über der Frage der Schulsubventionierung, und der Winter führt ein strenges Regiment: Hier die Originalmeldungen zu diesen und anderen Themen, über welche die sda vor 120 Jahren berichtete.
Zwei Wochen nach seiner - ungerechtfertigten - Verurteilung wegen Landesverrats am 22. Dezember 1894 wird der französische Offizier Alfred Dreyfus öffentlich degradiert. Die sda berichtete Anfang 1895:
„Paris, 5. Januar. Die Degradation des Ex-Kapitäns Dreyfus hat heute vormittags 9 Uhr im Hofe der Militärschule vor der Truppenfront stattgefunden. Im Momente, wo sein Adjutant an ihn herantrat, um ihm die Abzeichen abzureissen und ihm den Degen abzunehmen, schrie Dreyfus: ‚Ich schwöre, dass ich unschuldig bin, es lebe Frankreich!‘ Draussen begann eine zahlreiche Menge (...) zu pfeifen und zu schreien: ‚Zum Tode mit dem Verräter!‘.“
Das womöglich erste Interview der sda drehte sich um die umstrittene Forderung nach einer finanziellen Unterstützung der Primarschule durch den Bund:
„Bern, 11. Januar. Ein Mitarbeiter der Schweizerischen Depeschenagentur hatte in Sachen der Subventionierung der Volksschule durch den Bund eine längere Unterredung mit Hrn. Bundesrat J. (Carl) Schenk und ist nun im Falle, darüber folgende Meldung zu machen:
Herrn Bundesrat Schenk, dessen äusserst wohlwollende Gesinnung für das erwähnte Postulat allgemein bekannt ist, beschäftigt sich gerade gegenwärtig in eingehendster Weise mit dem Studium der ganzen Angelegenheit. Er zieht alle gegen die Frage erhobenen Einwände in ernsthafteste Erwägung und hofft zuversichtlich, einen Weg und eine Form zu finden, welche keinerlei politische oder religiöse Bedenken mehr erwecken können und welche die Verwirklichung des Postulats in nächster Zeit sichern.“
Der Winter 1894/1895 war durch eisige Temperaturen geprägt. Die Schweiz erlebte den kältesten Februar des Jahrhunderts, der Zürichsee fror völlig zu, und auf der Alpensüdseite fielen enorme Schneemengen:
„Bellinzona, 17. Januar. Von allen Seiten treffen Nachrichten ein über Verheerungen. Das Dorf Antonio im Morobbiathal ist durch eine Lawine abgeschnitten. In Airolo zerstörten Lawinen Häuser und Ställe und töteten vier Personen. Man befürchtet, die Zahl der Opfer sei noch grösser.“
Wachsende soziale Spannungen manifestierten sich Ende des 19. Jahrhunderts in vielen Arbeitskämpfen, die schließlich 1918 zum Generalstreik führten. Ein Brennpunkt war die solothurnische Uhrenindustrie:
„Solothurn, 25. März. Heute haben alle Ebauches-Fabrikanten des Leberberges wegen des Streiks in Bettlach ihren Arbeitern auf 14 Tage gekündigt. Falls nicht noch eine Verständigung erzielt wird, würden somit zirka 2500 Uhrenarbeiter beschäftigungslos.“
Großbritannien stellte 1895 Homosexualität unter Männern unter Strafe, was auch dem Schriftsteller Oscar Wilde zum Verhängnis wurde. Die sda näherte sich dem delikaten Thema mit Zurückhaltung:
„London, 6. April. Oscar Wilde ist verhaftet worden. Sein Freund Lord Douglas hat Kaution geleistet, um seine Freilassung zu erwirken. Wilde wird morgen vor den Gerichtshof Bowstreet kommen.“
1.-Mai-Feiern in Zürich zeichneten sich schon damals durch ritualisierte, aber friedliche Abläufe aus:
„Zürich, 1. Mai. Die vormittägige Maifeier im Kasino Aussersihl entsprach durchaus der letztjährigen, über 1000 Personen waren anwesend. Es wurden mehrere Reden gehalten, u.a. von Greulich. Unter anderem wurden zu Gunsten der streikenden Uhrenmacher in Grenchen auf dem Platze Blumen verkauft.“
Die Politik der guten Dienste der Schweiz war bereits vor 120 Jahren gefragt, hier im Streit um die nicaraguanische Atlantikküste:
„Washington, 18. Mai. An den schweizerischen Bundespräsidenten wird die Bitte gerichtet, zwischen England und Nicaragua als Schiedsrichter zu dienen.“
Die „übermässige Inanspruchnahme gewisser Telefonleitungen“ erschwerte in den Anfängen die Arbeit der sda. Auch der Bundesrat sah sich durch diesen „Übelstand“ gefordert:
„Bern, 24. Juni. Bundesrat. Es werden 19 neue Telephonistinnen-Stellen geschaffen, und zwar vier für Zürich, und je eine für Aarau, Aigle, Baden, Biel, Freiburg, Glarus, Liestal, Luzern, Romanshorn, Uster, Vevey, Yverdon und zwei in Montreux.“
Nicht nur die Anhänger der subventionierten Volksschule trauerten, als Bundesrat Carl Schenk, mit über 31 Amtsjahren bis heute der dienstälteste Bundesrat, von einer Kutsche überfahren wurde:
„Bern, 18. Juli. Bundesrat Schenk ist heute Abend geben sieben Uhr gestorben. (...) Die letzten Augenblicke Schenks waren ruhig und schmerzlos. Die ganze Familie war um ihn versammelt.“
Nach dem außerordentlich harten Winter freute sich die noch junge Schweizer Tourismusindustrie über einen warmen, trockenen Sommer:
„Montreux, 20. August. Der Fremdenzudrang auf der Bergbahn-Glion-Naye ist so beträchtlich, dass nach den gewöhnlichen Zügen regelmässig zwei bis drei Extrazüge eingelegt werden müssen. Die meisten Berghotels der Gegend sind angefüllt.“
Abstimmungsberichterstattung der sda am Beispiel des Zündhölzchenmonopols, mit dem der Bund die Gefahren des gelben Phosphors in den Griff bekommen wollte:
„Bern, 29. September: Eidg. Abstimmung über das Zündholzmonopol. Total Jastimmen 138‘915, Neinstimmen 174‘542. Annehmende Stände 7 1/2, verwerfende Stände 14 1/2. Damit ist die Vorlage sowohl von der Mehrheit der Stände, wie auch von der Mehrheit der Stimmenden, verworfen worden.“
Am Ende des 19. Jahrhunderts war die Schweiz noch ein Auswanderungsland, wie sich auch in der Berichterstattung der sda niederschlug:
„Bern, 16. Oktober. Die überseeische Auswanderung der Schweiz beziffert sich in den ersten drei Quartalen des Jahres 1895 auf 3318 Personen, d.h. gegenüber der gleichen Periode des Vorjahres eine Zunahme von 329 Personen.“
20 Jahre vor der Fertigstellung der 1. Röhre wurde die internationale Übereinkunft über den Bau des Simplon-Bahntunnels geschlossen:
„Bern, 25. November: Heute Vormittag sind im alten Bundesratshause von den Delegierten des Bundesrates und der italienischen Regierung die Staatsverträge betreffend den Simplon-Durchstich unterzeichnet worden.“
Das Bundesgericht erteilte sanktgallischen Annektionsgelüsten eine klare Absage:
„Lausanne, 11. Dezember. Im Grenzstreit der Kantone Appenzell und St. Gallen hat das Bundesgericht den Anspruch des ersteren auf die Stäntisspitze gutgeheissen und damit die allgemein geltende Tradition, nach welcher der Säntis ein Dreiländerstein ist, auch rechtlich als begründet anerkannt.