Film und TV

39 Szenen über das Nichts und die Vergeblichkeit

© Polyfilm

Für seinen Film „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ gewann Roy Andersson in Venedig den Goldenen Löwen.

Von Peter Angerer

Innsbruck –Als der schwedische Regisseur Roy Andersson im September beim Festival von Venedig für seinen Film „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ den Goldenen Löwen gewann, war aus den Reaktionen auch eine Fassungslosigkeit herauszulesen, denn die Juryentscheidung für den Außenseiter ließ den Verdacht einer Verlegenheitslösung aufkommen. Dabei hatte Andersson, Jahrgang 1943, bereits 2000 den Spezialpreis der Jury bei den Filmfestspielen in Cannes – für „Songs From The Second Floor“ – gewonnen, vor allem aber stehen in seinem Studio 24 in Stockholm bereits acht Goldene Löwen. Die eroberte Andersson allerdings beim „Cannes Lions International Festival of Creativity“ für die besten Werbefilme der Welt. Anderssons Werbeclips sind ausgefeilte Mikrodramen, die meistens in einer einzigen Einstellung und in 30 Sekunden vom Unglück in der Welt, von Schaden und Schadenfreude erzählen und deshalb auch bei jeder Auswahl der lustigsten Werbespots der Welt dabei sind. Damit ist auch jede Produktwerbung ausgeschlossen. Die Auftraggeber sind Versicherungen und Zeitungsverlage, da auch Information zur Schadensbegrenzung beitragen kann. In einfachen Clips für Schwedens Sozialdemokraten demonstriert Andersson die Macht der Solidarität. In einem Gasthaus wird beispielsweise ein junges Paar vom Tisch durch einen Schläger vertrieben, der wieder einem Gangster weichen muss. Auch der kennt die Regeln der Hierarchie und weiß, wer Respekt und Platz verdient – und alle sehen zu.

Auch im Kinowerk Roy Anderssons gibt es nur die starre Einstellung in Totalen von Plätzen oder Räumen, kein Schnitt gaukelt Schnelligkeit vor, Dynamik entsteht aus der Spannung des streng choreographierten Spiels. „Eine Taube ...“ wird mit drei – von vielen weiteren – Sterbeszenen eröffnet. Eine Frau liegt in ihrem Krankenhausbett und klammert sich an ihre Handtasche, in der ihr gesamter Schmuck enthalten ist und ohne den sie das Jenseits nicht betreten möchte. Ihre Kinder wollen ihr die Tasche entreißen, da an der letzten Pforte ohnehin neuer Schmuck verteilt wird, was auch für eine sterbende Frau nicht glaubwürdig klingt. In einem Tanzsaal zeigt die Flamenco-Lehrerin einem schwitzenden Schüler ihre Begierde. Sie wird später im Hintergrund wieder auftauchen und vorführen, welche Demütigungen zu ertragen sie in der Lage ist. Endlich kommen Jonathan (Holger Andersson) und Sam (Nils Westblom), die als Handelsvertreter Scherzartikel vorführen. Ohne selbst daran zu glauben, preisen sie Monstermaske, Vampirzähne und Lachsack mit Verve an, ohne dafür belohnt zu werden. Jonathan und Sam sind als Fortschreibungen von Oliver Hardy und Stan Laurel oder Samuel Becketts verlorenen Duos erkennbar, bei Andersson repräsentieren sie die Schnittstelle zwischen Haben und Nicht-Haben. Jonathan und Sam, in unglücklicher Herr-und-Knecht-Beziehung aneinandergekettet, sind zum Verkaufen verurteilt, auch wenn es längst keine Käufer mehr gibt. Mit der Absurdität des Lebens vertraut, verblüfft sie im Gasthaus auch nicht der Auftritt von König Karl XII., der mit seiner Armee auf das Schlachtfeld zieht und zuvor noch den Kellner zu verführen versucht.

In einem Saal möchte ein Lehrer den stolzen Eltern die Fortschritte der Kinder demonstrieren. Ein Mädchen mit Down-Syndrom sagt schüchtern das Gedicht „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt nach“ auf. Behutsam versucht der Pädagoge zu helfen. „Worüber denkt die Taube nach?“ Das Kind zweifelt: „Dass sie kein Geld hat?“