Stichwahl in Kroatien - Noch nie war der Abstand so gering
Zagreb (APA) - Dreimal schon hat Kroatien seinen Präsidenten per Stichwahl gekürt - aber noch nie war der Abstand so gering: Der amtierende ...
Zagreb (APA) - Dreimal schon hat Kroatien seinen Präsidenten per Stichwahl gekürt - aber noch nie war der Abstand so gering: Der amtierende Präsident Ivo Josipovic erhielt nur etwa 20.000 Stimmen mehr als Kolinda Grabar Kitarovic, die Kandidatin der stärksten Oppositionspartei Kroatische Demokratische Gemeinschaft (HDZ). In der ersten Runde hatte Josipovic 38,46 Prozent erzielt, seine Herausfordererin 37,22.
Bis jetzt betrug der Unterschied zwischen zwei Finalisten immer mehr als 13 Prozent der Stimmen. Und immer wurde der Gewinner der ersten Wahlrunde am Ende Präsident. Jetzt starten Josipovic und Grabar Kitarovic fast von Null, obwohl Josipovic in den Umfragen vor zehn Tagen noch mehr als 40 Prozent vorausgesagt worden waren.
„Der Überlauf von unerwartet viel Stimmen von Josipovic zu Ivan Sincic war die Hauptursache“, erklärt der Soziologe Drazen Lalic von der Zagreber Fakultät der Politischen Wissenschaften. Sincic, vor den Wahlen noch völlig unbekannt, erhielt 16,42 Prozent. Diese Proteststimmen sind schon seit längerer Zeit ein Trend, erklärt Dejan Jovic, Professor für Internationale Politik und derzeitiger Hauptberater von Präsident Josipovic. Seiner Meinung nach ist das eine Folge des EU-Beitritts Kroatiens. „Während dieses Prozesses gab es einen Konsens zwischen Regierung und Opposition, und viele Wähler wussten nicht, wen sie wählen sollten“, erklärt Jovic. Die Wähler hätten diesmal entweder mit der Unterstützung für Sincic protestiert oder sie seien gar nicht wählen gegangen. Für Jovic ist es etwas überraschend, dass die beiden Hauptparteien, SDP (Sozialdemokraten) und HDZ, wieder die stärksten Parteien des Landes sind, obwohl es immer mehr Proteststimmen gibt.
Und jede Partei dominiert in einigen Wahlkreisen. Josipovic, der von der SDP unterstützt wird, und weitere 18 linke Parteien waren im Westen und Norden am erfolgreichsten, genau wie bei den Parlamentswahlen. Grabar Kitarovic erhielt die meiste Unterstützung im Osten und Süden, genau wie die Koalition, die die HDZ bei den EU-Wahlen angeführt hat. Der derzeitige Präsident erhielt 62,05 Prozent der Stimmen in der Gespanschaft Istrien, im gesamten Westen Kroatiens, und Grabar Kitarovic erhielt 56,06 Prozent in der Gespanschaft Lika Senj. In Istrien war die HDZ noch nie erfolgreich, das war die einzige Gespanschaft, in der Grabar Kitarovic nicht zwischen den zwei stärksten Kandidaten war, genau wie die SDP in Lika, wo Josipovic weniger als die Hälfte der Stimmen seiner Herausforderer erhielt.
„Die HDZ, nicht ihre Kandidatin, hat die Stimmen bekommen - das ist die Kapazität der Partei, so viel würde die HDZ auch bei Parlamentswahlen bekommen“, meint Lalic. In der Stichwahl müsse Grabar Kitarovic zeigen, dass auch sie Stimmen holen kann, so der Soziologe. Der ehemalige Hauptberater Josipovics erinnert daran, dass die Kandidatin der HDZ den Präsidenten bis zur Stichwahl wegen der schlechten Performance der Regierung angreifen kann. Das zweite Problem Josipovics liege darin, dass er während des Wahlkampfes alle Konflikte vermeiden habe wollen und daher in der Öffentlichkeit als Person ohne Meinung wirke. „Das Hauptproblem Josipovics war, dass er allen gefallen wollte. Jetzt hat er das Risiko, niemandem zu gefallen“, erklärt der Professor.
In der Stichwahl ist am wichtigsten, welcher Kandidat integrativ sein könnte, meint der Soziologe Lalic: „Kroatien ist in mehrerer Hinsicht tief geteilt: historisch, politisch und ideologisch.“ Für Josipovic wäre es am wichtigsten, sich von der SDP zu distanzieren und sich als unabhängiger Akteur zu präsentieren. Er sollte die Wähler von links, die im ersten Wahlgang abstinent waren, motivieren, in die Wahllokale zu kommen. Nach Meinung Lalics hat die HDZ in dieser Runde ein Maximum an Stimmen erhalten, jetzt müsse Grabar Kitarovic selbst Stimmen bekommen, um neue Präsidentin zu werden. Sie könne mit dem großen Anteil jener 6,3 Prozent rechnen, die Milan Kujundzic, der Kandidat der sechs Rechtsparteien, erhalten hat, aber das sei nicht unbedingt genug.
Die Hauptfrage bei der Stichwahl ist, was die Wähler, die Sincic ihre Stimmen gegeben haben, machen werden. „Das ist ganz unberechenbar, diese Leute sind beleidigt und gedemütigt“, meint Lalic. Seiner Meinung nach es ist nur sicher, dass sie nicht in erster Linie die HDZ-Kandidatin unterstützen werden. Alles andere sei offen.