Medien

Auf Recherche mit dem Leser

© Esser

Die „Krautreporter“ wollen den Online-Journalismus wieder auf Vordermann bringen. Deswegen haben sie ihr eigenes Web-Magazin gegründet – finanziert von den Lesern.

Innsbruck – Im Oktober ist das Online-Journalismusprojekt Krautreporter an den Start gegangen. Große mediale Aufmerksamkeit war den Machern bereits im Vorfeld gewiss, wurde ihr Projekt doch ausschließlich durch Crowdfunding finanziert. Im Internet sammelten die Krautreporter 900.000 Euro für ihre werbefreie Plattform, die mit „Unabhängigkeit, Exklusivität, Hintergrund und Recherche“ wirbt. 15.000 Unterstützer, die 60 Euro für ein Jahresabo bezahlen, galt es im Vorfeld zu finden, die Finanzierung wurde allerdings zur Zitterpartie. Erst kurz vor Ablauf der Kampagne sicherte die Rudolf-Augstein-Stiftung durch den Kauf von 1000 Mitgliedschaften den Start von Krautreporter. Der Journalist und Gründer Sebastian Esser sprach mit der TT über die ersten Wochen, die neue Beziehung zwischen Leser und Journalist und neue, kreative Erzählformate im Netz.

Krautreporter ging vor rund sieben Wochen an den Start. Eine erste Bilanz?

Sebastian Esser: Erstmal sind wir stolz, dass es läuft. Aber es gibt Dinge, die wir verbessern möchten. Wir haben unseren Unterstützern versprochen, die Beziehung zwischen Lesern und Journalisten, die bei Krautreporter eine ganz besondere ist, besser zu nutzen. Das haben wir uns für das neue Jahr vorgenommen: Häufiger den Kontakt mit unseren Mitgliedern suchen, um Informationen oder um Kontakte bitten und gemeinsam recherchieren.

Läuft Krautreporter nicht Gefahr, in Richtung Gesinnungsjournalismus zu gehen? Dass Unterstützer sich Themen und Artikel, die sie lesen möchten, kaufen?

Esser: Nein. Wir schreiben nicht das auf, was die sich wünschen, dann wären wir keine Journalisten. Unser Job ist es, Informationen zu überprüfen und einzuordnen.

Krautreporter ist angetreten, um den Online-Journalismus zu retten. Ein Spruch, der nicht nur Zuspruch geerntet hat.

Esser: ... weil wir ihn nie gesagt haben! Wir haben auf unserer Kampagnen-Seite geschrieben: „Der Online-Journalismus ist kaputt. Aber wir kriegen das wieder hin.“ Warum ist er kaputt? Weil es auf vielen Seiten auch renommierter Medienmarken nur um die Klicks geht und nicht um die Leser.

Leo Fischer, der Ex-Chefredakteur des Satiremagazins Titanic, hat Krautreporter als eine Mischung aus „Watergate, Hunter S. Thompson und Karla Kolumna“ bezeichnet.

Esser: Sein Text war eine Polemik, die erschienen ist, bevor wir überhaupt einen einzigen Text veröffentlicht hatten. Unter anderem deswegen kann ich dazu nichts Sinnvolles beitragen.

Sie nennen grundsätzlich keine Zugriffszahlen auf Krautreporter – warum?

Esser: Weil wir keine Werbung verkaufen wollen, sind die üblichen Messzahlen nicht relevant für Krautreporter. Die Anzahl der Klicks sagt wenig über die Qualität eines Artikels aus. Unsere Autoren sollen sich daran nicht orientieren. Aber wir sind sehr zufrieden mit der Aufmerksamkeit der Leser.

Einer der Artikel, auf den beim Start stark zugegriffen wurde, ist „Die Wahrheit über die Lügen der Journalisten“. Das hat der Online-Branchendienst Meedia analysiert. Gerade in Deutschland wächst ja die Skepsis gegenüber Journalisten.

Esser: Die Daten sind ein bisschen irreführend. Das war der Tag, an dem wir gestartet sind. Das war die oberste Geschichte und die wurde alleine dadurch viel häufiger aufgerufen. Allerdings arbeiten die meisten von uns für etablierte Medien und sind nicht der Ansicht, dass Journalisten in Deutschland zum Beispiel korrupt sind. So ähnlich argumentiert übrigens auch Stefan Niggemeiers Artikel: Er widerlegt Punkt für Punkt ein erfolgreiches Buch eines Verschwörungstheoretikers. Das Thema ist uns dennoch wichtig: Wir haben die Krautreporter-Mitglieder gefragt, warum sie uns unterstützen. 90 Prozent waren auf der Suche nach einer Alternative zu etablierten Medien.

Woher kommt dieses Misstrauen?

Esser: Ich kann da nur für mich reden, aber ich glaube, dass die Nähe zwischen Politik und Journalismus in Deutschland zu groß ist. Traditionell gehören politische und journalistische Eliten zu einem gemeinsamen Milieu. Die Folge: Viele Leute haben kein Vertrauen mehr in die Unabhängigkeit des Journalismus. Wenn dieses Vertrauen verschwunden ist, hat der Journalismus ein Problem.

Krautreporter hat zu Beginn neue kreative Formate angekündigt ...

Esser: Und es gibt sie. Zum Beispiel der Artikel „Das eigenartige Wesen der Raketenwissenschaft“ von Rico Grimm. Zum Beispiel den Text von Richard Gutjahr zur Haderthauer Affäre „Die fünfte Gewalt“. Zum Beispiel die fünfteilige literarische Reportage von Jan Brandt aus Los Angeles „Mord für ein Skateboard“. Was wir selten machen, ist das übliche „Snow-Fall“-Format (multimedialer Artikel der New York Times, Anm.).

Ein Projekt wie „Snow Fall“ ist vor allem mit hohen Kosten verbunden ...

Esser: Bei dieser sehr schön anzuschauenden Darstellungsform geht manchmal der Inhalt verloren. Aber wir arbeiten datenjournalistisch, wir interessieren uns für Forensic Journalism (investigativer Journalismus, bei dem u. a. wissenschaftliche Methoden zum Einsatz kommen, Anm.). Vor allem geht es aber darum, inhaltlich neue Formate zu finden.

Vor wenigen Tagen ist auch das Projekt Correctiv.org, bei dem einzelne journalistische Projekte durch Crowdfunding unterstützt werden können, an den Start gegangen. Eine Bereicherung?

Esser: Im Prinzip erst mal ja. Ich fände es nur schade, wenn wir uns gegenseitig das Wasser abgraben würden.

Welche Ziele haben sich die Krautreporter für 2015 gesteckt?

Esser: Wir wollen es schaffen, bis nächstes Jahr so viele neue Mitglieder zu gewinnen, dass wir die ersetzen können, die nicht mehr dabei sein wollen. Wir wachsen bereits sehr ordentlich. Nur in Österreich hapert es noch ein bisschen.

Die Fragen stellte Silvana Resch