Walkner bei der Rallye Dakar: „Der Tod war und ist kein Thema“
Am Montag reiste Matthias Walkner, der als erster Österreicher seit Heinz Kinigadner an der gefährlichsten Rallye der Welt teilnimmt, nach Südamerika. Vorher sprach der 28-Jährige mit der TT über sein größtes Abenteuer.
Von Daniel Suckert
Innsbruck – Wer Rallye Dakar hört, der denkt an Dünen, Steine oder Schotter. Aber auch unweigerlich an den Tod. 65 Opfer forderte die härteste Rallye der Welt seit 1978. Für den Salzburger Matthias Walkner, seines Zeichens Motocross-Weltmeister 2012, kein Grund, bei der 37. Auflage das Motocross-Bike nicht gegen ein KTM-Werksmotorrad zu tauschen. Am kommenden Sonntag heißt es für den Salzburger: 9000 Kilometer quer über den südamerikanischen Kontinent.
„Es ist eine Hass-Liebe“, sagt Walkner zu seinem Umstieg. Anstelle von kurzen und intensiven Motocross-Auftritten stehen nun lange und kräftezehrenden Fahrten auf dem Programm. Statt Schlamm wischt sich Walkner ab dem 4. Jänner Sand aus den Augen. Knapp ein Jahr lang dauerte seine Vorbereitung: „Berge, Tiere, Meer, Wärme, Kälte – es sind so viele Eindrücke, die du bei einer Rallye erlebst. Das ist mit nichts zu vergleichen. In 14 Tagen Rallye erlebst du mehr als in einer gesamten Motocross-Saison“, beschreibt der 28-Jährige die Faszination.
Vom Sprinter zum Marathonläufer
Aus dem Sprinter wurde ein Marathonläufer, meint Tirols Motocross-Legende Heinz Kinigadner sinnbildlich. Seine Tipps und die Möglichkeit vom vierfachen Dakar-Sieger und KTM-Star Marc Coma bei gemeinsamen Trainingslagern lernen zu können, erleichterten Walkner seinen getätigten Karriereschritt.
Trotzdem filterte Walkner die erhaltenen Informationen: „Es gibt kein Schema, das jeder Pilot übernehmen kann und das er einfach anwendet. Unterm Strich muss jeder Dakar-Teilnehmer seinen eigenen Weg finden. Und der letzte Feinschliff kommt so und so über learning by doing.“
Bei der Frage nach der größten Schwierigkeit muss der Salzburger nicht lange überlegen: „Das Lesen des Roadbooks. Du fährst mit mehr als 160 Sachen über Stock und Stein und musst dann zwei Sekunden lang nicht auf die Strecke, sondern auf das Book blicken.“ Ein weiteres Gefahrenpotenzial, das sein Leben abrupt beenden könnte. Dass der Tod bei der härtesten Rallye auf der Schulter sitzt, ist eine Tatsache, die Walkner nicht leugnet. Die er aber gekonnt ausblendet: „Der Tod war und ist kein Thema. Unfälle mit tödlichem Ausgang gibt es auch im alltäglichen Verkehr“, begründet der KTM-Pilot und vertieft das Thema: „Ich habe meine Hausaufgaben gemacht, in der Vorbereitung alles getan, was nötig war, um das Risiko zu minimieren. Ein Restrisiko bleibt im Motorsport immer erhalten.“
Viel mehr Kraft kosteten Walkner die Nebengeräusche, die der Ritt durch Argentinien, Bolivien und Chile ausgelöst hat. Besonders medial brach einiges auf ihn ein: „Nach meinem Motocross-WM-Titel (2012, Anm.) haben sich nicht ansatzweise so viele Menschen bei mir gemeldet.“ Nur das Thema Ernährung forderte eine Erweiterung seines Wissensschatzes. Walkner: „Ich muss täglich 10.000 bis 15.000 Kalorien zu mir nehmen. Und das meist nur in flüssiger Form. Das heißt, jede Menge Eiweiß- und Kohlehydratgetränke zu mixen.“
Vor der Gefahr der Übermotivation beschützt
Und natürlich wurde auch das Training dementsprechend angepasst: Skitouren, die länger als vier Stunden dauerten, Krafteinheit mit weniger Gewicht, aber mehr Wiederholungen und jede Menge Intervall-Läufe standen monatelang auf dem Programm. Und auch Höhentrainingslager am Kitzsteinhorn durften nicht fehlen.
Vor der Gefahr der Übermotivation sollte der Naturbursch aus Kuchl aber geschützt sein. Zumindest wiederholte Kinigadner („Gas geben kann er auch am Ende noch“) seine Worte gebetsmühlenartig: „Matthias hat noch viele Jahre Zeit, einmal um den Sieg mitzufahren. Am Anfang der Rallye soll er sich erst einmal zurechtfinden, sich akklimatisieren und abwarten, bis sich die Spreu vom Weizen trennt. Seine Geschwindigkeit stimmt – die Navigation erfordert viel Erfahrung. Das dauert.“
Das dürfte sich Walkner zu Herzen genommen haben. Zumindest strebt er bei seinem Debüt lediglich einen „verletzungsfreien Top-20-Platz“ an. Was allerdings nicht bedeutet, sich nicht am Limit zu bewegen: „Mein persönliches Limit werde ich bewusst ansteuern, aber nicht darüber hinausgehen. Gefährlich wird es erst, wenn die Übermüdung einsetzt und der Kampf mit der Aufrechterhaltung der Konzentration einsetzt.“ Was bei Etappen knapp unter 1000 Kilometern Länge regelmäßig eintreten kann.
Das berühmte Kribbeln fühlte Walkner vor seiner heutigen Abreise noch nicht. Walkner: „Dafür haben die Nebengeräusche gesorgt. Aber vielleicht war das auch gut so. Spätestens wenn ich am Start in Buenos Aires stehe, wird es kribbeln.“
Vier Fragen an Heinz Kinigadner
Die Rallye Dakar führte er etliche Male an, leider konnte sie der Zillertaler niemals gewinnen. Nichtsdestotrotz war der Erfahrungsschatz der Tiroler Motocross-Legende unersetzlich für Matthias Walkner.
1.) Was kann Matthias Walkner bei seinem Dakar-Debüt schaffen?
Möglich ist alles. Wünschen tun wir uns aber nur eines für ihn: durchkommen. Der Worst Case wäre ein frühes Ausscheiden am zweiten Tag. Dann können wir mehr sagen. Wenn er es schafft, können wir über die weitere Zukunft reden. In der zweiten Woche sieht man, aus welchem Holz er geschnitzt ist. Und wer weiß, was nach dem Ende der Dakar passiert. Vielleicht springt für ihn ein neuer Sponsor heraus oder er steigt vom Motorrad ab und sagt: „Ihr seid ja alles Verrückte.“ (lacht)
2.) Was ist die größte Gefahr, die auf ihn wartet?
Die Motocross-Piloten sind für sich selbst die größte Gefahr. Die können an einem Tag glänzen und am nächsten Tag rausfallen. Das war bei mir nicht anders. Da fehlt die Erfahrung. Für gute Tagesresultate kann es auch bei Matthias schnell reichen. Aber die Kunst ist es durchzukommen.
3.) Wer ist für Sie der Favorit auf den Dakar-Sieg 2015?
Das ist nach wie vor unser Pilot Marc Coma. Er hat viermal die Dakar (2006, 09, 11, 14) gewonnen, hat einen großen Erfahrungsschatz und ist der kompletteste Pilot im Feld – gerade was die Mischung aus Geschwindigkeit und Navigation betrifft: Da macht ihm niemand so schnell etwas vor. Dahinter lauern drei bis vier Konkurrenten.
4.) Werden Sie selbst bei der Rallye vor Ort sein?
Ich bin ab dem ersten Ruhetag (Anm. 10. Jänner in Iquique) in Südamerika. Und ich hoffe, dass ich zu dem Zeitpunkt Matthias noch unterstützen kann und nicht sein Wohnmobil übernehmen muss.
Das Interview führte Daniel Suckert