ORF-Finanzdirektor Grasl: Funkhaus soll bis 2016 verkauft werden 1
Wien (APA) - Der ORF hat seine Kosten durch Restrukturierungen und neuen Kollektivvertrag nachhaltig um 100 Millionen Euro entlastet. Dies b...
Wien (APA) - Der ORF hat seine Kosten durch Restrukturierungen und neuen Kollektivvertrag nachhaltig um 100 Millionen Euro entlastet. Dies berichtet ORF-Finanzdirektor Richard Grasl im Interview mit der APA. 2015 soll der Verkaufsprozess für das ORF-Funkhaus starten, 2016 der Verkauf abgeschlossen werden. Eine Erhöhung der Rundfunkgebühren schließt Grasl bis 2016 aus.
Zufrieden ist der ORF-Finanzchef mit der finanziellen Entwicklung des öffentlich-rechtlichen Senders. Erstmals in seiner Geschichte hat sich der ORF der Bewertung durch eine Rating-Agentur gestellt. Dieses Rating soll im Jänner vorliegen, so Grasl, der vor fünf Jahren im Dezember 2009 zum Kaufmännischen Direktor des ORF bestellt wurde.
Diese Funktion möchte Grasl auch in der nächsten Geschäftsperiode von 2017 bis 2021 ausüben. Grasl sieht jedenfalls „keinen Grund“, am engsten ORF-Führungsteam um ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz etwas zu ändern. „Diese Zusammenarbeit funktioniert, und ich würde sie aus heutiger Sicht gerne fortsetzen“, so Grasl.
Die geplanten Strukturänderungen in der Organisation sollen nicht zur Einengung von Meinungsvielfalt und redaktioneller Unabhängigkeit im ORF führen. Grasl: „Im Gegenteil: Wenn das Modell so umgesetzt wird, dann wird es mehr Pluralität geben und mehr Chefredakteure im Team, die entscheiden, wie die Nachrichten ausschauen.“ Es gebe seitens der Geschäftsführung „sogar die Garantie, dass es zu keiner Verengung des Binnenpluralismus kommt und auch zu keinem Einheitsbrei“.
Nachfolgend das gesamte APA-Interview mit ORF-Finanzdirektor Richard Grasl:
APA: Herr Grasl, Sie sind seit fünf Jahren Kaufmännischer Direktor des ORF. Ihre Bilanz?
Grasl: Es ist uns in diesen fünf Jahren gelungen, das Unternehmen zu restrukturieren und nachhaltig für die Zukunft aufzustellen. Nach der Lehman-Krise 2008 und 2009 ging es zunächst um Stabilisierung. Da hat uns die Gebührenrefundierung geholfen. Inzwischen haben wir uns so zukunftsorientiert aufgestellt, dass wir unser Leistungsspektrum - mit Abstrichen - auch ohne Refundierung aufrechterhalten können und uns ungeplante Großereignisse wie der Song Contest nicht aus der Bahn werfen. 2014 war dabei das intensivste und herausforderndste Jahr bisher. Wir haben die Standort-Entscheidung getroffen, gemeinsam mit Boston Consulting die ORF-Strategie 2020 und ein Operating Model für die neue ORF-Struktur entwickelt, einen neuen Kollektivvertrag verhandelt und das Großereignis Song Contest vorbereitet. Das, was wir alleine 2014 gestemmt haben, ist normalerweise ein Zwei-bis-Drei-Jahres-Pensum.
APA: Wo steht der ORF finanziell?
Grasl: Wir haben die Kostenbasis durch Restrukturierungen und durch den neuen Kollektivvertrag um rund 100 Millionen Euro nachhaltig entlastet und die Fixkosten gesenkt. Der neue verhandelte Kollektivvertrag ist eine wichtige Weichenstellung für die Zukunft. Ich hoffe, dass diese Erfolge auch bald extern bestätigt werden. Der ORF hat sich nämlich erstmals in seiner Geschichte einem Rating durch eine Agentur gestellt. Das Ergebnis soll im Jänner vorliegen und - so hoffe ich - diesen gemeinsamen Erfolg der Geschäftsführung und Mitarbeiter bestätigen.
APA: Der Finanzplan für 2015 sieht ein ausgeglichenes Budget und positive EGTs vor. Wie sieht die mittelfristige Finanzvorschau aus? 2016 stehen ja mit den Olympischen Sommerspielen in Rio und der Fußball-EM in Frankreich - womöglich mit österreichischer Beteiligung - gleich zwei kostenintensive Großereignisse vor der Tür ...
Grasl: 2016 wird sicher eine große Herausforderung, noch dazu, wenn Österreich bei der Fußball-EM in Frankreich dabei wäre und wir - so hoffe ich - die Übertragungsrechte bekommen. Budgetär wird die Differenz zu 2015 aber nicht ganz so groß, weil wir ja mit dem Song Contest auch im nächsten Jahr ein aufwendiges Großereignis zu stemmen haben. Außerdem werden wir unsere Immobilien-Strategie weiter konsequent verfolgen und 2015 den Verkaufsprozess für das ORF-Funkhaus starten. 2016 soll nach dem im Stiftungsrat vorgelegten Plan das Funkhaus verkauft werden und bis zur Übersiedelung auf den Küniglberg im Jahr 2020 werden wir uns dort einmieten.
APA: Das heißt der ORF wird auch 2016 ohne Erhöhung der Rundfunkgebühren auskommen?
Grasl: Aus heutiger Sicht ist eine Erhöhung der Rundfunkgebühren 2016 nicht vorgesehen. Wobei wir uns schon anschauen wollen, wie beim letzten Antrag auf Gebührenerhöhung im November 2011 die Grundannahmen waren und wie sich diese Annahmen seit der letzten Gebührenerhöhung Mitte 2012 entwickelt haben. Wichtig ist, dass es uns gelingt, bis zur nächsten Anpassung auch einen gesellschaftlichen Grundkonsens über die Bedeutung eines modernen öffentlich-rechtlichen Auftrags zu erlangen. Man kann diesen nicht hoch genug schätzen, muss ihn aber auch transparent erklären und weiterentwickeln.
APA: In Deutschland kursieren gerade Überlegungen, wonach künftig nur mehr jene Rundfunkgebühr zahlen sollen, die gebührenfinanzierte Programme nutzen. Öffentlich-rechtliche Sender sollen in diesem Modell nur noch für Sendungen zuständig sein, die Private nicht von sich aus anbieten. Ein Modell auch für Österreich?
Grasl: Als gebührenfinanzierter Sender muss man sich immer solchen Diskussionen stellen und alles hinterfragen, was man mit Gebührengeld macht. Auch wir beobachten dieses Thema sehr genau und hinterfragen uns kritisch. Aber: Wenn sich in Deutschland ein paar Professoren den Kopf zerbrechen, heißt das noch lange nicht, dass das für Österreich richtig wäre. Im Gegenteil: Für ein kleines Land konsequent zu Ende gedacht, bedeutet der Vorschlag den Ruin der österreichischen Film- und TV-Wirtschaft und das Ende von Qualitäts-TV und -Radio. Dann bleiben ein paar deutsche Satellitenprogramme mit rot-weiß-roter Tarnfarbe oder durch Mäzenatentum finanzierte Sender.
APA: 2016 laufen die ORF-Rechte an der Formel 1 aus. Wird der ORF künftig auf die Formel 1 verzichten?
Grasl: Meine Position dazu ist klar. Ich halte es für sinnvoller, dass man die Formel 1-Ausgaben in österreichische Kreativität und die Stärkung von ORF eins investiert und damit österreichische Filme und Serien finanziert. Die Formel 1-Quoten sind ja nicht schlecht, sie sind zuletzt aber im deutschsprachigen Raum zurückgegangen. Wir werden das jedenfalls sehr genau prüfen. Das ist auch eine Preisfrage und schlussendlich eine Abwägungsfrage, aber keine Glaubensfrage.
~ WEB http://orf.at ~ APA077 2014-12-30/09:00