Brand auf Fähre

Ermittlungen gegen Kapitän, tödlicher Unfall bei Bergung

Aufnahme aus einem Rettungshubschrauber der italienischen Marine: 427 Passagiere und Besatzungsmitglieder wurden von der "Norman Atlantic" gerettet.
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Die italienische Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen gegen den Kapitän und die Reederei der Unglücksfähre „Norman Atlantic“ eingeleitet.

Bari, Athen – Nachdem die Zahl der Toten bei einem Fährunglück in der Adria auf mindestens zehn gestiegen ist, hat die Staatsanwaltschaft der süditalienischen Stadt Bari Ermittlungen gegen Schiffskapitän Argilio Giamocomazzi und gegen den Eigentümer der italienischen Reederei Visemar, Carlo Visentini, aufgenommen, die das verunglückte Schiff „Norman Atlantic“ besitzt. Der Vorwurf lautet auf fahrlässiger Tötung.

Rückendeckung erhielt der Kapitän vom Admiral der italienischen Marine, Giuseppe De Giorgi: „Der Kapitän genießt meinen vollen Respekt, weil er mit größter Kompetenz und Würde seine Arbeit geleistet hat. Er hat als letzter das Schiff verlassen, wie es ein Kapitän tun muss“, sagte De Giorgi.

Zwei gerettete Österreicher auf Marineschiff

Weitere Überlebende des Fährunglücks werden unterdessen in italienischen Häfen erwartet. Die Ankunft des Marineschiffs „San Giorgio“ mit etwa 180 Geretteten an Bord verzögere sich allerdings weiter, wie die Nachrichtenagentur Ansa am Dienstag unter Berufung auf die Küstenwache berichtete. Das Schiff sei immer noch in der Nähe der havarierten „Norman Atlantic“ vor der albanischen Küste. Eigentlich war das Boot am Morgen in der süditalienischen Stadt Brindisi erwartet worden. An Bord der „San Giorgio“ befinden sich auch zwei Österreicher - ein Salzburger, der für eine Hilfsorganisation tätig ist, und ein Vorarlberger.

Ein weiteres Schiff mit 39 Geretteten soll am Morgen im Hafen von Manfredonia in der Region Apulien einlaufen.

Die Suche nach möglichen weiteren Opfern des Unglücks geht derweil weiter. Bisher wurden zehn Tote bestätigt, befürchtet wird allerdings, dass weit mehr Menschen umkamen. Laut Passagierliste waren 478 Menschen an Bord. Gerettet wurden laut italienischen Behörden 427 Menschen, darunter fünf Österreicher. Allerdings ist nicht klar, wie viele Menschen wirklich an Bord waren. Da auch blinde Passagiere unter den Geretteten waren, könnten weit mehr Menschen auf der „Norman Atlantic“ gewesen sein.

Kapitän übergab Schiff an italienische Marine

Der Eigentümer der Reederei beteuerte, dass die Fähre erst am 19. Dezember einer Inspektion unterzogen worden war, bei der auch die Brandschutztüren überprüft wurden. Dabei sei eine „leichte Fehlfunktion“ aufgefallen, die aber „zur Zufriedenheit der Inspektoren“ behoben worden sei, versicherte Visentini. Die Autofähre „Norman Atlantic“, die zwischen Griechenland und Italien im Einsatz war, hatte Platz für 490 Passagiere, war also nicht überbucht. Visentini sagte seine Zusammenarbeit bei den Ermittlungen zu.

Die Reederei Visemar beauftragte die niederländische Gesellschaft Smit, die „Norman Atlantic“ in Sicherheit zu bringen. Nach Abschluss der Rettungsaktion übergab Kapitän Argilio Giacomazzi die Kontrolle über das havarierte Schiff an die italienische Marine. Vier Schlepper wurden losgeschickt, um die „Norman Atlantic“ zunächst einmal zu stabilisieren.

Unfall bei Bergung fordert zwei Menschenleben

Zwei albanische Seemänner sind am Dienstag ums Leben gekommen, als sie einen Schlepper mit der am Sonntag in Brand geratenen Autofähre „Norman Atlantic“ vertauen wollten. Ein Seil sei gerissen, ein Seemann war dadurch sofort tot, der zweite starb wenige Minuten später, während ihn Ärzte versorgten, berichteten Hafenbehörden in der albanischen Hafenstadt Vlora laut italienischen Medien.

Ein weiterer Seemann sei in kritischem Zustand und wurde von einem italienischen Hubschrauber in ein albanisches Krankenhaus geflogen, berichtete das albanische Verteidigungsministerium. Die „Norman Atlantic“ wird inzwischen von Schiffen der albanischen Marine nach Vlora geschleppt. Italienische Schlepper begleiten das Schiff. Das italienische Marineschiff „San Giorgio“ mit zwei österreichischen Schiffbrüchigen an Bord bleibt zur Suche nach Vermissten vorerst noch am Unfallort. (APA, dpa, tt.com)