Internationale Pressestimmen zu den Neuwahlen in Griechenland

Athen (APA/dpa/AFP) - Zeitungen kommentierten am Dienstag die vorgezogenen Wahlen in Griechenland:...

Athen (APA/dpa/AFP) - Zeitungen kommentierten am Dienstag die vorgezogenen Wahlen in Griechenland:

„Neue Zürcher Zeitung“:

„Dass die Griechinnen und Griechen genug haben vom Sparen und von den harten Auflagen der Troika aus der EU-Kommission, der Europäischen Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds, ist verständlich. Wer in gesicherten und geordneten Verhältnissen in reicheren Ländern Westeuropas lebt, kann sich kaum vorstellen, was es bedeutet, wenn sein Einkommen innerhalb von wenigen Jahren um einen Drittel schrumpft. Doch auch wenn (der Chef des Linksbündnisses Syriza, Alexis) Tsipras der nächste Regierungschef Griechenlands sein sollte, so heisst das noch lange nicht, das alles, was in den letzten Jahren erreicht wurde, rückgängig gemacht wird. Tsipras mag mit einigen seiner Parolen die westlichen Partner noch so sehr aufschrecken - auch er wäre auf Finanzhilfe angewiesen, auch er könnte nicht einfach mit Geld um sich werfen.“

„de Volkskrant“ (Amsterdam):

„Griechenland mag wirtschaftlich den richtigen Weg eingeschlagen haben, doch der durchschnittliche Grieche spürt davon noch nichts. Zwei Drittel der Arbeitslosen sind langfristig - mehr als ein Jahr - ohne Job und bei denjenigen, die Arbeit haben, ist das Einkommen in den letzten fünf Jahren um ein Viertel gesunken. Es ist daher nicht unverständlich, dass die Unterstützung für die politische Mitte abbröckelt. Viele Menschen sympathisieren mit Parteien, die das Land von der durch die EU vorgeschriebenen wirtschaftlichen Diät befreien wollen - selbst wenn die längerfristigen Folgen davon ungewiss sind.“

„La Croix“ (Paris):

„Die vorgezogenen Wahlen in Griechenland könnten zu einem Sieg des Linksbündnisses Syriza unter Führung von Alexis Tsipras führen. Der Monat Jänner dürfte daher für die Griechen entscheidend werden. Werden sie für das politische Experiment eines neuen und ungewissen Weges stimmen? Werden die Parlamentswahlen eine klare Mehrheit hervorbringen? Es stellt sich auch die Frage, wie Tsipras sein Programm ändern wird. Er hat ja bereits Zugeständnisse beim Euro und für die Neuverhandlungen über das griechische Sparprogramm gemacht. Die EU wird hoffentlich zurückhaltend reagieren, ohne übertriebene Dramatisierung. Der Jänner wird auch außerhalb Griechenlands ein entscheidender Monat sein. In Europa sind alle Länder vom Schicksal ihrer Nachbarn betroffen. Das ist die Stärke und gleichzeitig die Schwäche der EU.“

„L‘Est Republicain“ (Nancy):

„Wie zu erwarten war, verwickelt sich Griechenland noch etwas mehr in die Tragödie. Dem Parlament ist es nicht gelungen, in letzter Minute doch noch einen Präsidenten zu wählen. Und dieses nationale Votum hat sich sofort wie eine Schockwelle auf dem Alten Kontinent verbreitet. Denn es ging nicht darum, einen Präsidenten zu bestimmen - dessen Rolle ohnehin symbolisch bleibt. Vielmehr nahm das Parlament Stellung zu der hochdosierten Austeritätskur, die dem schlechtesten Schüler der europäischen Klasse verschrieben wurde. Die Griechen, die seit fünf Jahren eine Hungerdiät erdulden, haben die Nase voll. Die vorgezogene Neuwahl am 25. Jänner dürfte die radikale Linkspartei Syriza an die Macht bringen. Deren umtriebiger Chef Alexis Tsipras macht aus seinen Plänen kein Geheimnis - er will der Sparpolitik ein Ende bereiten. (...) Der Dominoeffekt ist bereits abzusehen.“

„La Republique des Pyrenees“ (Tarbes):

„Was in Griechenland passiert, ist oft ein Vorbild im schlechten Sinn für alle. Vor allem in Frankreich. Die Aussicht auf einen Sieg der radikalen Linken bei den vorgezogenen Neuwahlen am 25. Jänner (...) lässt in Brüssel und Berlin Angstschweiß ausbrechen. Die Linkspartei Syriza mit ihrem Chef Alexis Tsipras liegt in allen Umfragen vorne. (...) Und Syriza will neue Verhandlungen mit der EU über den griechischen Schuldenberg. Außerdem wehrt sie sich gegen die strukturellen Reformen auf dem Arbeitsmarkt und im Sozialsystem, auf denen die Troika - also Vertreter der EU-Kommission, des Internationalen Währungsfonds und der Europäischen Zentralbank - bestehen.“