Hoffen und Bangen im deutschen Mittelstand zum Jahreswechsel
Berlin (APA/Reuters) - Der deutsche Mittelstand geht trotz Sorgen mit Zuversicht ins neue Jahr. Als Fazit einer Unternehmerbefragung formuli...
Berlin (APA/Reuters) - Der deutsche Mittelstand geht trotz Sorgen mit Zuversicht ins neue Jahr. Als Fazit einer Unternehmerbefragung formulierte der Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW), Mario Ohoven, am Dienstag: „Die Ergebnisse lassen ein gutes 2015 erwarten - nicht wegen, sondern trotz der Politik der Bundesregierung“.
Wenn die schwarz-rote Koalition in Berlin die Bedingungen für die Unternehmen zumindest nicht noch mehr verschlechtere, erwarte er bis zu 150.000 neue Jobs im Mittelstand. Andererseits sprach Ohoven von Unsicherheit bei kleinen und mittleren Firmen. Die Gründe dafür seien neue Lasten etwa durch den Mindestlohn. Zudem wirkten sich die Ukraine- und andere Krisen in der Welt ebenso aus wie Deflationsgefahren im Euroraum.
Angesichts dessen rechnet Ohoven, wie die deutsche Regierung auch, mit einem Wirtschaftswachstum von 1,3 Prozent im kommenden Jahr. Mit seiner Kritik an „Wählerwohlfühlpaketen“ der großen Koalition zulasten der Firmen reihte sich Ohoven ein in die lange Reihe von Kritikern der Regierung in anderen Teilen der Wirtschaft. So hatte Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer in einem Reuters-Interview vor neuen Reglementierungen gewarnt: „Notwendige Spielräume für die Unternehmen dürfen durch die Regierungskoalition nicht weiter eingeschränkt werden“, sagte er. „Zeitarbeit und Werkverträge müssen als moderne Beschäftigungsformen erhalten bleiben.“
In der traditionellen Umfrage zum Ende des Jahres durch den BVMW unter rund 2.400 Mittelständlern erwarteten die Hälfte im nächsten Jahr einen Aufschwung. Ähnlich viele fürchten demnach aber auch einen Abschwung. Mehr als neunzig Prozent bewerteten ihre momentane Geschäftslage als „befriedigend oder besser“. Gut 37 Prozent rechneten mit steigenden Umsätzen. Ebenfalls mehr als ein Drittel planen nach der BVMW-Umfrage im kommenden Jahr zusätzliche Einstellungen, während gut die Hälfte ihre aktuelle Beschäftigtenzahl halten wollen. Außerdem gab nahezu jedes zweite Unternehmen an, es wolle seine Investitionen stabil halten. Gut 29 Prozent wollen sogar mehr investieren.
Zugleich plagen den Mittelstand Sorgen: So bezeichneten mehr als die Hälfte der Befragten die Sozial- und Wirtschaftspolitik der Regierung als „schlecht“ oder „sehr schlecht“. Mehr als 80 Prozent bemängelten auch, die Regierung tue zu wenig, um die Mittelstandsbelange bei den Verhandlungen über das umstrittene Freihandelsabkommen der EU mit den USA (TTIP) zum Tragen zu bringen. Ohoven sprach sich für TTIP aus, lehnte aber ab, darin auch private Schiedsgerichte zum Schutz von Investoreninteressen zu regeln. Was die Krisenbewältigung im Euroraum angehe, so stehe die „auf tönernen Füßen“. Mit Blick auf die aktuellen Turbulenzen im hochverschuldeten Griechenland sagte Ohoven: „Das ist ein Debakel, was da auf uns zukommt“.
Der BVMW vertritt nach eigenen Angaben über 270.000 mittelständische Unternehmen mit neun Millionen Beschäftigten.