Liebe, besser als das Leben
Wildes Poesie und Weills Schärfe ergänzen sich bei den Tiroler Winterfestspielen in Erl zu einem stimmigen Abend.
Von Ursula Strohal
Erl – Eine rote Rose verlangt die Geliebte fürs Wiedersehen. Eine Nachtigall verschafft sie dem Studenten um den Preis ihres Herzblutes. Er aber wirft sie weg, als er abgewiesen wird. Matthias Drievko hat Oscar Wildes Geschichte in Musik gehüllt. Das todtraurige Märchen von der Vergeblichkeit der Liebe, dem Wesen des Menschen und der Nachtigall, die ihr Eigenstes zeigt bis in den Tod. Und davon singt, dass die Liebe besser sei als das Leben. In immer wieder neuer klanglicher Beleuchtung dringt die zart und atmosphärisch gesponnene Komposition in die Parabel ein, gerahmt von Schumanns Dichterliebe-Lied „Im wunderschönen Monat Mai“. Drievko selbst gab am Dienstag in Erl den Sprecher und setzte, wenn auch allzu vollen Herzens, inszenatorische Zeichen. Paola Leggeri brachte leuchtende Soprantöne mit ein.
Regisseurin Cornelia Rainer ging distanzierter, schärfer ans Werk, hatte in den „Sieben Todsünden“ freilich auch die Satire von Bertolt Brecht und Kurt Weill zur Hand. Die Geschichte der in zwei Personen gespaltenen Anna, die auf Geheiß ihrer Familie in amerikanischen Städten Geld für ein Häuschen in Louisiana verdienen muss. Sünde und Tugend, falsches und echtes Gefühl, Verlorenheit und Berechnung sind nicht mehr auseinanderzuhalten, wo der Markt reagiert. Und Liebe? Gibt es die? Nur Unterdrückung. Und über allem Sehnsucht.
Rainer zeigt die bittere Aktualität auf Sarah Haas’ absturzgefährdeter Schräge in perfektem szenischen Tonfall, und den beweist in beiden Werken auch das großartige Kammerorchester Modus 21 unter Erich Polz’ ebenso feiner wie souveräner Leitung. Mona Somm, eine Brünnhilde, Elektra und Lady Macbeth, verblüfft mit authentischem Weill’schem Songstil und Brecht-Kolorit, Korinna Krauss ist ihr bestes Alter Ego. Gut ausgestimmt und köstlich in der bösartigen Scheinheiligkeit der Familie das Vokalquartett CantoSonor, professionell das Ensemble.