ÖSV-Co-Trainer Diess: Ein schwerer Unfall, ein neues Leben

Fürs neue Jahr musste sich Alex Diess nichts vornehmen. Seit der Skisprung-Co-Trainer lebensgefährlich verletzt wurde, denkt er um.

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Von Susann Frank

Innsbruck –Kopfweh oder Kopfzerbrechen – dieser Umstand am 1. Jänner ist vielen Menschen ein Begriff. Den einen schmerzt der Kopf vom Feiern, den anderen vom Grübeln, wie sie ihre guten Vorsätze umsetzen können oder was sie überhaupt verändern wollen.

Alex Diess muss nicht mehr nachdenken. Er hat sein Leben vor acht Monaten geändert. Alles begann mit einem tragischen Unfall am 2. April 2014. Einen Tag bevor der damalige Co-Trainer von Alex Pointner zur Saisonanalyse nach Going aufbrechen wollte, stürzte der heute 43-Jährige bei Arbeiten am Haus durch ein Glasdach. Die Scherben schnitten sich in den Unterarm und hatten die Schlagader am Oberarm durchtrennt. Eine lebensgefährliche Verletzung wegen des starken Blutverlusts. Ein schneller Notruf und eine erfolgreiche stundenlange Operation haben ihm das Leben gerettet und machen es ihm möglich, seiner Berufung, dem Trainerjob in der nordischen Sparte, weiter nachzugehen.

Mit veränderten Prioritäten. Äußerlich trennte er sich von seinem Markenzeichen, den langen Haaren, innerlich entschied er, seiner Familie mehr Zeit zu widmen, Frau Sylvia, den Töchtern Emma (9) und Hanna (6), und dafür auch auf Gehalt zu verzichten. „Ich habe danach viel nachgedacht und entschieden, dass ich mehr Freiraum brauche, mehr Zeit für meine Familie haben möchte“, erzählt Diess.

Als Pointners Vertrag nicht verlängert wurde und Heinz Kuttin nachfolgte, lag Diess noch im Krankenhaus. Als es ihm besser ging, er langsam in die Rehabilitation einsteigen konnte, suchte er das Gespräch mit dem Neo-Cheftrainer.

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Sie einigten sich darauf, dass der studierte Sportwissenschafter sich vornehmlich auf die Trainingssteuerung und -planung und die Leistungsdiagnostik konzentrieren wird. Eine seiner Aufgaben als Pointners Co-Trainer. Das permanente Mitreisen während des langen Weltcupwinters ist damit hinfällig.

„Heinz nennt mich einen Free Agent in seinem Team“, sagt Diess. Dadurch ist der Ex-Adler als Springer im Team unterwegs. Manchmal mimt er einen Co-Trainer, dann den Verbindungstrainer zu den Stützpunkten und dann Einzeltrainer für einen Problemfall. Wie vor der Tournee für Thomas Diethart. Eine Rolle, die dem emotionalen und kraftvollen „Diesel“, wie ihn alle rufen, auf den Leib geschrieben ist. „Da kann ich meine Stärken einbringen, auch meine Persönlichkeit. Das macht mir unheimlich Spaß“, betont er. Von Vorteil ist für ihn dabei, im Hintergrund arbeiten zu können. Frontmann, das hat er aus seiner Zeit als Cheftrainer der nordischen Kombinierer (2006 bis 2009) mitgenommen, ist nicht sein Ding.

Von seinem Unfall hat er zudem gelernt, geduldiger zu werden. Bis er etwas in seinem rechten Zeigefinger spürte, vergingen Monate intensiver und schmerzhafter Reha-Einheiten. Erst seit Dezember kann er diesen wieder zum Führen eines Kugelschreibers benützen. Oder dafür, um mit seinen Töchtern zu zeichnen – für die er durch sein Umdenken mehr Zeit hat.

Wie heute. Daheim in Salzburg bekommt Sylvia von ihm Rührei gekocht. Seit Langem wünschte er mal wieder ihr und den Töchtern zu Hause ein gutes neues Jahr. Obwohl er in seiner Wahl-Heimat Salzburg viel mit dem Tourneeführenden Stefan Kraft und dem -zweiten Michael Hayböck zusammenarbeitet, sieht er das Neujahrsspringen heute (14 Uhr/ORF eins live) vor dem Fernseher. Wie immer aus Nervosität auf- und abspringend vor dem Bildschirm. Beim Auftakt in Oberstdorf hielt den Gefühlsmenschen jedenfalls nichts auf der Couch. Beim Bergiselspringen in Innsbruck ist Diess wieder vor Ort.

Der Sohn von Andi-Goldberger-Entdecker Richard Diess ist nun einmal die Skisprung-Familie auch in die Wiege gelegt worden.

So schaufelte der gebürtige Innviertler gestern auch eine kleine Schanze aus Schnee im Garten. Aber eben nicht für ein Training, sondern, um damit Spaß mit seiner Familie zu haben, der er seit seinem tragischen Unfall mehr Zeit widmet. Auch heute, beim Neujahrsspringen.


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