Gesundheit

Den Ohrenstöpseln mehr Gehör verschaffen

Mehr als 10 Prozent der Jugendlichen haben bereits Hörschäden. Wer seine Ohren lauten Geräuschen aussetzt, sollte sie mit Ohrenstöpseln schützen.

500 Millionen Menschen weltweit sind schwerhörig, aber die wenigsten tragen ein Hörgerät. Experten diskutierten in der TT über ein auch österreichisches Tabuthema.

Von Theresa Mair

Innsbruck – Vergangene Nacht hat es ordentlich geknallt. Beim Genuss des Silvester-Feuerwerks haben vermutlich die wenigsten an ihre Ohren gedacht. Genauso wenig, wie man daran denkt, Ohrenschützer anzulegen, wenn man nur rasch die Vorhangstange mit einem aufjaulenden Akkuschrauber befestigen will. „Bei Konzerten bleiben die Gratis-Ohrenstöpsel meist liegen“, nennt Oliver Lux, Geschäftsführer der Hörakustik-Firma Hansaton, eine weitere Nachlässigkeit. Es tut nicht weh, das Gehör zu verlieren.

Wissenswert

Weit über 60 Prozent der Menschen entwickeln eine Altersschwerhörigkeit. Grundsätzlich sollte man laut dem Experten Patrick Zorowka ab etwa 60 Jahren sein Hörvermögen einmal jährlich testen lassen.

Mehr als

zehn Prozent der Jugendlichen haben laut Zorowka hierzulande bereits nachweisbare Hörschäden.

Beginnende

Schwerhörigkeit zeigt sich im Verlust hoher Frequenzen. Neben Lärm gehören erbliche Faktoren und bestimmte Medikamente (Cytostatika) zu den Risikofaktoren für Schwerhörigkeit. Auch ungesunde – fett-, zucker- und cholesterinreiche – Ernährung kann sich negativ auswirken.

Erste Warnsignale:

Wenn man Vögel nicht mehr zwitschern hört und in Gesellschaft Schwierigkeiten hat, Stimmen und Störgeräusche auseinan­derzuhalten (Cocktailparty-Effekt), kann dies auf eine Schwerhörigkeit hindeuten. Genauso, wenn man Telefon oder Türglocke überhört. Streit mit dem Partner wegen häufigem Nachfragen oder zu leisem Sprechen kann ebenfalls ein Zeichen für Schwerhörigkeit sein.

Lärm:

„Der größte Risikofaktor ist Lärm“, sagt Experte Zorowka. Der gefährlichste Lärm sei der von Feuerwerkskörpern, der mit dem eines startenden Düsenjets vergleichbar sei. Tückisch daran sei, dass Knallkörper subjektiv nicht als so laut empfunden werden, aber Spitzen von bis zu 140 Dezibel erreichen würden. Ein Knalltrauma mit vorübergehendem oder bleibendem Hörschaden (Schwerhörigkeit und Tinnititus) könne die Konsequenz sein. Der Grund: Die Ohren können nicht schnell genug auf den Knall reagieren. Der Stoffwechsel im Innenohr bricht zusammen.

„Hören wird als gegeben erachtet, Schwerhörigkeit aber als Makel. ‚Nicht verstehen‘ wird noch häufig mit ‚nicht kapieren‘, mit Dummheit gleichgesetzt“, weiß Lux. Über dem Thema der Schwerhörigkeit liegt noch immer der Mantel des Schweigens. Dabei ist sie dem Experten zufolge nach dem Verlust des Partners der zweite Grund für sozialen Rückzug. „500 Millionen Menschen weltweit sind schwerhörig. Doch nur zehn bis fünfzehn Prozent tragen ein Hörgerät“, verdeutlicht Patrick Zorowka, Direktor der Innsbrucker Uni-Klinik für Hör-, Stimm- und Sprechstörungen (HSS). Unlängst haben die Experten unter der Leitung von Chefredakteur Alois Vahrner über das Tabuthema Schwerhörigkeit diskutiert. Der Intendant der Festwochen der Alten Musik, Markus Korselt, Ex-Skirennfahrer Stephan Görgl und der Fußballer Marcel Schreter brachten ihre Erfahrungen mit hohen Lautstärken in die Runde mit ein.

Das Ohr ist mit 3500 inneren Haarzellen ausgestattet. Es ist das lernfähigste Sinnesorgan, weiß der Mediziner Zorowka. Sehen kann man nur im Gesichtsfeld, Hören rundum. Es schützt vor Gefahren. Man denke dabei ans Autofahren: „Meist hört man das Martinshorn schon, bevor das Einsatzfahrzeug zu sehen ist“, gibt der Arzt ein Beispiel.

Befürchtungen, ein Skihelm könne die Hörfähigkeit beeinträchtigen, wischt er beiseite. Eine Untersuchung mit der sportmedizinischen Fakultät habe ergeben, dass Sporthelme ausreichendes Hören zulassen. Skiprofi Görgl bestätigt: „Eine gerutschte Kurve hört sich anders an als eine gezogene. Beim Fahren achte ich auf das Krachen von Eis und passe meinen Fahrstil danach an. Die Reaktion auf das Gehörte ergibt somit eine direkte Verbindung zur Technik.“ Den Lärm der Zuschauer nehme er wegen der Distanz und des Helms hingegen nur peripher wahr. Er wirke aber motivierend auf ihn. „Die Fans sind beim Fußball der zwölfte Mann im Team. Der Krawall gehört dazu“, findet Austria-Lustenau-Spieler Schreter. Nicht umsonst würde der Zuschauerraum in englischen Stadien so eng wie möglich ans Spielfeld gebaut.

„Wenn bis zu 17.000 Fans, wie es in Innsbruck war, für deine Mannschaft schreien, ist es extrem motivierend – bei einem Auswärtsspiel das Gegenteil. Da zieht man sich automatisch zurück. Ganz schlimm sind aber Kracher, die im Spielfeld landen, da reißt es einen richtig“, ergänzt der Fußballer.

Das Phänomen hat einen Namen: Psychoakustik. „Angenehme Geräusche aktivieren das Belohnungssystem im Zwischenhirn und das vegetative Nervensystem“, erklärt Zorowka. Je nachdem, wie wir ein Geräusch bewerten, fällt unsere körperliche Reaktion unterschiedlich aus. Jemandem, der eine Bushaltestelle vor dem Wohnungsfenster hat, fällt der Verkehrslärm gar nicht auf. Einen anderen, der nur eine Nacht im Hotel neben dem Bahnhof verbringt, stört der Lärm womöglich, veranschaulicht der Experte. Ähnliches gelte für Freizeitmusik z. B. in der Disko: „Junge finden sie anregend, Ältere bedrückend.“

Bei als angenehm empfundenen Geräuschen schütte das Gehirn Glückshormone aus. Bei schneller Musik werde z. B. das Stresshormon ACTH freigesetzt, das aktivierend wirke. Langsame Musik oder Meditation habe wiederum stressmindernde Effekte. Blutdruck, Herzschlag, Atemfrequenz und Muskelspannung werden dadurch gesenkt.

„Es kommt immer auf die Intensität und Einwirkzeit von Geräuschen an. Das Gehör macht bei der Verarbeitung der physikalischen Reize keinen Unterschied, ob wir Geräusche als angenehm oder unangenehm empfinden. Hörpausen sind wichtig. Wer von früh bis spät an lauten Maschinen arbeitet, sollte sich danach nicht noch dem Freizeitlärm in der Disko aussetzen“, empfiehlt Zorowka.

Sogar Musiker schützen ihre Ohren. „Die Bläser im Orchester tragen Ohrenstöpsel, die nur bestimmte Frequenzen durchlassen“, plaudert Intendant Korselt aus dem Nähkästchen. Zudem sei es in der Musik viel herausfordernder, tragende, leise Töne zu spielen als laute. Musik bekommt ihre Klangfarbe durch Obertöne und Teiltöne, die bei beginnender Schwerhörigkeit als Erstes verlorgen gingen, dadurch habe man nicht mehr den vollen emotionalen Gehalt.

„Das Gehirn kann Schwerhörigkeit lange kompensieren. Viele merken nicht, dass sie schlecht hören, oder zögern, bis sie zum Arzt gehen“, sagt Zorowka. Dabei sei das Ohr das einzige Sinnesorgan, das heutzutage durch ein Implantat gegebenenfalls ersetzt werden könne. „Jeder trägt eine Brille, aber beim Hörgerät ist der Kauf­anreiz seine Unsichtbarkeit“, drückt Lux sein Unverständnis für das Stigma aus. Bei den Kindern sei dies schon anders. Sie würden sich bunte Hörgeräte aussuchen, die jeder sehen kann.