Verdammter Staudamm: Wie ein japanisches Dorf seine Heimat verliert 1

Tokio (APA/dpa) - Yoko Watanabe verbirgt ihre Wut hinter einem Lächeln. „Die Umweltzerstörung ist unfassbar“, sagt die zierliche Japanerin u...

Tokio (APA/dpa) - Yoko Watanabe verbirgt ihre Wut hinter einem Lächeln. „Die Umweltzerstörung ist unfassbar“, sagt die zierliche Japanerin und blickt von einer Betonbrücke auf den Agatsuma-Fluss. Hier, im gleichnamigen Tal der Provinz Gumma, drei Stunden Bahnfahrt von Tokio entfernt, liegt der kleine Ort Naganohara.

Seit Generationen lebten die Bewohner hier inmitten der üppigen Natur von der Forstwirtschaft, als Gemüsebauern und von den Gästen ihrer Onsen-Bäder, Japans berühmten heißen Naturquellen. Doch mit der Idylle ist es vorbei. Denn die Zentralregierung will hier einen der teuersten und umstrittensten Staudämme des Landes bauen.

Die Geschichte des bereits seit den 1950er-Jahren geplanten, aber bis heute noch nicht gebauten Yamba-Damms ist aus Sicht von Kritikern symbolisch dafür, wie der Staat die Provinzen des Landes seit Jahrzehnten mit zweifelhaften Betonbauten übersät und so die gigantische Verschuldung und Landflucht immer weiter forciert. Die Regierung weist solche Vorwürfe von sich. „Der Damm soll unter anderem dazu dienen, Überschwemmungen zu kontrollieren und Tokio mit Wasser zu versorgen“, erläutert Kazuaki Kandatsu, zuständiger Beamter im Ministerium für Land, Infrastruktur und Tourismus.

Die Gesamtkosten beziffert die Regierung auf 460 Milliarden Yen (rund 3,17 Milliarden Euro). Das ist zwar deutlich mehr als ursprünglich geplant, doch werde der Nutzen des Damms die Kosten weit übersteigen, versichert der Beamte. Kritiker beziffern dagegen die Kosten auf gut das Doppelte. Schließlich müssten auch die Zinsen für die zur Finanzierung nötigen Schulden berücksichtigt werden. „Wenn der Staudamm wirklich so wichtig wäre wie der Staat behauptet, wäre er längst gebaut worden“, klagt die Anrainerin Azuma Takayama, eine der wenigen, die sich auch nach all den Jahrzehnten sträuben, das Land ihrer Vorfahren einem Damm zu opfern.

„In Wirklichkeit geht es gar nicht darum, dass der Staat den Staudamm benötigt“, sagt sie. Vielmehr solle die Baulobby, eine der traditionell stärksten Wahlkampfstützen der „Dauerregierungspartei“ LDP von Ministerpräsident Shinzo Abe, mit Aufträgen versorgt werden. Einst dachten viele Bewohner hier so.