Die Verrohung des Soldaten Norman
In David Ayers Kriegsfilm „Herz aus Stahl“ führt Brad Pitt eine amerikanische Panzereinheit nach Berlin.
Innsbruck –Nach dem „Untergang“ des Deutschen Reichs sollten die verblendeten Menschen mit ihrer Geschichte und den Verbrechen der Nazis konfrontiert werden, doch bald übernahm Hollywood die Umerziehung durch Unterhaltung. Deutschland wurde in der Nachkriegszeit für die großen Studios zu dem nach den USA wichtigsten Kinomarkt. Aus ökonomischem Kalkül wurde das Unbehagen der deutschen Kinogeher mit der Vergangenheit berücksichtigt, indem in den anrollenden Kriegsfilmen keine Deutschen an Kriegsverbrechen und Holocaust beteiligt waren, sondern eben Nazis.
Wenn es sich machen ließ, verwandelten sich eben Nazis in Drogenhändler wie in Alfred Hitchcocks Thriller „Notorious“, der 1951 als „Weißes Gift“ in die deutschen Kinos kam. Damit ist es nun vorbei. In „Herz aus Stahl“ lässt der Panzerkommandant Don Collier (Brad Pitt, 2009 der Nazijäger in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“) keinen Zweifel über seine Bestimmung aufkommen: „Ich habe Deutsche in Afrika getötet, in der Normandie und jetzt töte ich Deutsche in Deutschland!“ Dafür erhält Collier den Kriegsnamen „Wardaddy“, während der von Shia LaBeouf gespielte Boyd Swan den Spitznamen „Bible“ für passend hält. Der Kanonier ist ein Mann der Bibel, in der sich für jede Kriegshandlung ein passendes Zitat findet. Wenn im engen Panzer die Munition ausgeht und einer der fünf Insassen unter Feindbeschuss das schützende Gehäuse verlassen muss, sagt Bible: „Wen soll ich senden? Wer wird für uns gehen? Ich anwortete: Hier bin ich, sende mich!“ Bevor sich der Prediger aus der Luke drängen kann, überrascht Wardaddy die Soldaten mit der Quellenangabe „Prophet Jesaja, 6. Kapitel“. Damit will uns David Ayer sagen, auch der zum Nihilismus neigende Krieger war früher ein gottesfürchtiger Mann, den die Erfahrungen auf den Schlachtfeldern verändert haben. Jetzt, im April 1945, stehen die Amerikaner vor Berlin.
Die guten Deutschen hängen an Laternenmasten, von den Hälsen baumeln Kartons mit der Aufschrift „Ich bin ein Feigling“. Dafür ist ein SS-Mann verantwortlich, dessen Hinrichtung die erste Bewährungsprobe für den Soldaten Norman Ellison (Logan Lerman) sein soll. Norman muss auf dem Weg zur Verrohung in jeder Hinsicht seine Unschuld verlieren. Die Frauen sind für eine Packung Lucky Strike zu haben. Der erste Tote kostet einen Fluch. Die Prämisse des Films ist die Unterlegenheit der US-Panzer gegenüber den deutschen Tiger-Tanks. David Ayer, der als Autor die Auto-Serie „The Fast and the Furious“ erfunden hat, inszeniert den Krieg daher als Maschinenduelle, in denen es keine Sieger geben kann. (p. a.)