Wo Pferde ständig auf Trab sind
Pferde sind Lauftiere und Dauerfresser. Viele Ställe werden diesen Ansprüchen allerdings nicht gerecht. So genannte Aktivställe erlauben artgerechte Pferdehaltung. Einer befindet sich in Grinzens.
Von Irene Rapp
Grinzens –Wenn Wildfang kommt, weichen alle anderen Tiere aus. Der rotbraune Wallach schreitet auf den Fremdling zu, schnuppert an ihm, geht weiter. Pferde ähneln in dieser Hinsicht offensichtlich Menschen: Wildfang, der Chef der zwanzigköpfigen Pferdeherde, hat sich nämlich ein Bild von dem Menschen gemacht, der gerade in sein Reich eingetreten ist – ist ja auch sein gutes Recht.
Am Broslerhof in Grinzens können Pferde Pferde sein. Denn der Stall, in dem 20 Tiere untergebracht sind, ist anders. Auf 3000 Quadratmeter beläuft sich die Fläche, auf der sich die Tiere ständig hin- und herbewegen können – was sie auch Tag und Nacht tun.
„Es gibt nur einige wenige Boxen zum Eingewöhnen, dafür einen großen überdachten Ruheraum, wo sich die Pferde ebenfalls frei bewegen können“, nennt Simona Hörtnagl ein weiteres Beispiel für diese natürliche Art der Haltung. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Toni hat sie den so genannten Aktivstall errichtet. Am 1. August 2014 wurde der Betrieb gestartet und seitdem beobachten sowohl die Hörtnagls als auch die Besitzer der Tiere sowie Tierarzt und Hufschmied die ungewöhnlichen Entwicklungen in der Herde.
„Die Pferde sind ruhiger und ausgeglichener geworden“, nennt Stallmeister Dieter Irschitz ein Beispiel. Kein Wunder: Pferde sind Lauftiere, sprich: wollen sich ständig bewegen. In einem herkömmlichen Stall, wo sie oft viel Zeit in der Box verbringen, kommt dieser Drang zu kurz. Für Irschitz ein Dilemma. „Viele Pferde werden in Tirol nicht artgerecht gehalten“, sagt er. In einem Aktivstall hingegen sind sie sozusagen ständig auf Trab. Das zeigen sogar Untersuchungen, wie Irschitz weiß. „Laut Studien legt ein Pferd in einem Laufstall täglich 12 bis 14 Kilometer zurück.“
Ein weiterer Pluspunkt dieser Art der Haltung: Die Tiere bekommen nicht, wie sonst üblich, zwei- bis dreimal am Tag zu fressen, sondern haben die Möglichkeit, 24 Stunden durchgehend etwas zwischen die Zähne zu kriegen.
„Pferde sind Dauerfresser. Ihr Sättigungsgefühl wird nicht so wie beim Menschen über die Magendehnung beeinflusst, sondern über die Fressdauer. Sie müssen mindestens 12 bis 14 Stunden kauen, um sich satt zu fühlen“, weiß Irschitz.
Die Pferde am Broslerhof haben deshalb einen Chip in die Mähne eingeflochten, über den die Futteraufnahme gesteuert wird. Und sehr schnell haben sie gelernt, damit umzugehen. Gerade schreitet Stute Schira in den Futterstand, der Kraftfutter ausspuckt. Ein, zwei Bewegungen mit dem Kopf, dann reagiert der Sensor auf den Chip und spuckt in einen Behälter die entsprechende Ration aus. Schira frisst, während das nächste Pferd schon hinter ihr auf seine Portion Kraftfutter wartet. Und als Schira nicht sofort den Stand verlässt, wird der Wartende schon sichtlich ungeduldig.
Denn noch eines ermöglicht der Aktivstall: „Durch den ständigen Sozialkontakt fühlen sich die Tiere wohler“, hat Simona Hörtnagl beobachtet. Auch wenn der „Teambildungsprozess“ in der Herde immer noch im Gange sei: Es dauert nämlich einige Monate, bis alle Tiere ihren Platz in der Herde gefunden haben.
Schira etwa ist in der Herde das rangniedrigste Tier. Doch man muss sich keine Sorgen machen. „Sie hat keinen Stress, ist vielmehr froh, wenn sie keine Entscheidungen fällen muss“, sagt Irschitz.
Es gebe aber auch vereinzelt Tiere, die sich überhaupt nicht eingliedern können. Und das erinnert dann auch wieder ein wenig an die menschliche Gesellschaft.
In der angeschlossenen Reithalle wollen die Hörtnagls bald noch etwas anderes anbieten – Hippotherapie. Das Ehepaar hat selbst eine Tochter, die seit ihrer Geburt körperlich beeinträchtigt ist.
Was der 20-jährigen Bettina allerdings half, waren die Stunden auf dem Rücken ihres Pferdes. Denn dabei wurde u. a. das Gleichgewicht geschult, kam es zu einer wohltuenden Muskelentspannung. „Dafür muss nicht nur das Tier speziell ausgebildet sein, sondern braucht es auch die Anwesenheit einer ausgebildeten Hippotherapeutin“, nennt Simona Hörtnagl Details. Ab Februar will sie die Hippotherapie aber nicht nur ihrer Bettina ermöglichen, sondern allen Interessierten. Einziger Nachteil: „Es gibt kaum eine Unterstützung dafür“, sagt Hörtnagl.