Führerloser Frachter mit 360 Flüchtlingen lief in Hafen ein
Für Hunderte Flüchtlinge auf dem Frachter „Ezadeen“ hatte die Reise über das Mittelmeer ein gutes Ende: Sie wurden von der Küstenwache in Italien sicher an Land gebracht, nachdem Schleuser sie auf dem offenen Meer ihrem Schicksal überlassen hatten.
Corigiliano Calabro – Hunderte Migranten sind nach ihrer Rettung durch die italienische Küstenwache von einem führerlosen Frachter in Italien an Land gegangen. Die etwa 360 Flüchtlinge, unter ihnen viele Kinder und schwangere Frauen, stammen überwiegend aus Syrien. Sie konnten am frühen Samstagmorgen im kalabrischen Corigliano Calabro den Frachter „Ezadeen“ verlassen. Die Küstenwache hatte die Zahl der Flüchtlinge zuerst mit 450 angegeben; laut Nachrichtenagentur Ansa waren aber deutlich weniger Menschen auf dem Schiff.
Die Flüchtlinge wurden medizinisch betreut und danach in Aufnahmelager gebracht, wie Ansa berichtete. Sie waren bei der Fahrt über das Meer von Schleusern auf dem Frachter ohne Besatzung ihrem Schicksal überlassen worden.
Die italienischen Behörden waren am Donnerstagabend auf das Schiff aufmerksam geworden, als dieses sich rund 150 Kilometer vor der süditalienischen Küste befand. Am Freitag übernahm dann die Küstenwache die Kontrolle über den Frachter und begleitete ihn am späten Abend auch in den Hafen von Corigiliano Calabro. Die Behörden machten keinen Angaben zur Nationalität der Passagiere, nach Berichten italienischer Medien stammten sie aber alle aus Syrien.
Von dort soll die „Ezadeen“ nach Information der Schiffsinformationsseite marinetraffic.com auch aufgebrochen sein, bevor sie zuletzt Mitte Dezember in Farmagusta, in der von der Türkei kontrollierten Republik Nordzypern, vor Anker lag. Demnach sollte der 1966 gebaute Frachter ursprünglich den französischen Mittelmeerhafen Sete ansteuern, bevor ihn seine Besatzung in der Nacht auf Freitag verließ. Die Navigationsinstrumente waren so eingestellt, dass er mit voller Geschwindigkeit auf die italienische Südküste zusteuerte. Erst als das Benzin zu Ende ging und der Frachter daher stoppte, konnte ihn die italienische Küstenwache unter ihre Kontrolle bringen.
Ähnliches hatte sich erst am Dienstag auf dem unter moldauischer Flagge fahrenden Frachter „Blue Sky M“ abgespielt, der knapp 800 Personen an Bord hatte. Auch dieser raste auf die felsige Küste Apuliens zu, eine Katastrophe konnte in letzter Minute verhindert werden. Schlepper scheinen sich zunehmend dieser Methode zu bedienen, weshalb die EU-Grenzschutzagentur Frontex am Freitag auch von einem „neuen Grad der Grausamkeit“ von Seite der Menschenschmuggler sprach.
Das internationale Seerecht verpflichtet Seefahrende dazu, Schiffbrüchigen oder Passagieren havarierender Boote zu helfen. Diese Klausel haben Schlepper auch in der Vergangenheit immer wieder ausgenutzt. Meist setzten sie bisher aber Flüchtlinge auf kaum seetüchtigen Schlauch- oder Fischerbooten aus. Die Verwendung großer Frachtschiffe, die kurz vor der Verschrottung stehen, stellt eine neue Strategie dar.
Menschenschmuggler würden pro Kopf 1000 bis 2000 Dollar kassieren, was bei einer Passagierzahl wie im Fall der „Blue Sky M“ ein Millionengeschäft sei, erklärte die Internationale Organisation für Migration (IOM) am Freitag in Genf. Zudem können die Frachter im Gegensatz zu kleineren Fischerbooten auch im Winter, bei höherem Wellengang, die Überfahrt von Nordafrika bewältigen.
Der österreichische EU-Abgeordnete Josef Weidenholzer (SPÖ) sprach sich vor diesem Hintergrund am Freitagabend für legale Einreisemöglichkeiten für Drittstaatenangehörige aus. Gegenwärtig können Asylsuchende - etwa aus dem Bürgerkriegsland Syrien - nämlich nur auf europäischem Boden, nicht aber in ihrem Herkunftsland um Aufnahme ansuchen, womit die illegale Einreise meist der einzige Weg bleibt. Auch Innenministerin Johanne Mikl-Leitner (ÖVP) hat sich in der Vergangenheit für Resettlement-, also Umsiedelungsprogramme, für Flüchtlinge in die EU unter Schirmherrschaft des UN-Flüchtlingshochkommissariats UNHCR ausgesprochen. Eine Einigung auf EU-Ebene scheitert aber bisher vor allem an der Frage der Flüchtlingsverteilung.
Die EU-Kommission in Brüssel lobte die Anstrengungen der italienischen Behörden. Sie würden von der europäischen Grenzschutzmission „Triton“ unterstützt. Der Kampf gegen den Menschenschmuggel bleibe auch im neuen Jahr eine Priorität der Kommission, sagte eine EU-Sprecherin. (APA/AFP/dpa)