Der Intoleranz den Marsch geblasen
Über 40-Jährige aus Süd- und Osttirol haben sich zu einem Blasorchester vereint. Beim Neujahrskonzert in Matrei war auch ein Marsch zu Ehren Marianne Hengls zu hören, die für die Rechte Behinderter kämpft.
Von Christoph Blassnig
Matrei i. O. –„Bun An nü!“, ein frohes neues Jahr auf Ladinisch, wünschte Fridl Pescoller am Freitagabend im Matreier Tauerncenter. Pescoller leitet seit fünfunddreißig Jahren die Musikkapelle Abtei im Gadertal. Martin Gratz hat in Kals am Großglockner erst im Herbst sein 20-Jahr-Kapellmeisterjubiläum gefeiert. Beide Dirigenten sehen das Konzertprojekt einer gemeinsamen Blasmusikkapelle 40 + als „beispielgebend und visionär für unsere Gesellschaft“: Nicht die Herkunft zählt, keine Bezirksgrenze trennt. Die Musik als gemeinsame Leidenschaft verbindet die fünfundsiebzig Musikanten zu einem Klangkörper.
„Schauen Sie in diese fröhlichen Gesichter – das ist meine Motivation“, ließ Fridl Pescoller wissen. Für Martin Gratz bestätigte die Auswahl der Stücke die Absicht, Anspruch und Unterhaltung zu vereinen. „Wir können es uns leisten, die Musik zu spielen, die uns gefällt – wir sind 40 plus!“ Für Jugend und Senioren gebe es zahlreiche Musikgruppierungen. Mit der Idee zum Blasorchester 40 + sei ein einzigartiger Versuch geglückt, begeisterte Hobbymusikanten aus den vier benachbarten Musikbezirken zusammenzuführen. Eine Wiederholung in einigen Jahren scheint daher sicher.
Bekannte und neue Polka-Klänge aus Wien und Prag, die Overtüre „Pique Dame“, das Finale aus „Die verkaufte Braut“ sowie eine Zusammenstellung der weltbekannten Melodien aus dem Musical „Les Misérables“, standen unter anderem auf dem Konzertprogramm.
Mit einer Erstaufführung ist den Musikern noch eine Premiere geglückt: Marianne Hengl sitzt im Rollstuhl und ist seit fünfundzwanzig Jahren Obfrau des Behindertenvereines „RollOn Austria“. Sepp Leitinger hat ihr vor einem Jahr zum fünfzigsten Geburtstag einen Konzertmarsch geschenkt.
„Ich habe lange überlegt: Wie nenne ich den Marsch? Wer macht die Uraufführung?“, verriet Marianne Hengl. Den Anstoß lieferte dann ihre Nichte Laura Fernsebner, die ihr aus anderen Gründen von einer Begegnung mit dem Kalser Bürgermeister Klaus Unterweger erzählte.
„Ich habe daraufhin meinen Freund Martin Gratz in Kals angerufen. So fand mein Marsch Aufnahme in dieses Programm“, zeigte sich Hengl stolz. „Ideal finde ich auch die Symbolkraft dieses Konzertprojektes: Toleranz und Miteinander stehen über allem!“ Verdrehte Hände und Füße würden erst zur Behinderung, weil viele aus Angst und Unsicherheit wegschauen würden. „Dabei hat jeder seinen Platz – und jede Chance verdient es teilzuhaben.“ Hengl sieht es als ihre Lebensaufgabe, mit ihrem Verein „RollOn Austria“ behinderte Menschen und ihre Begabungen in ein ihnen gerechtes Licht zu stellen. „Gipfel-Sieg, in Anlehnung an meine Sendungsreihe im Rundfunk, heißt dieser Marsch daher jetzt. Denn der Wille kann wahrhaft Berge versetzen. Man darf sich nur nicht unterkriegen lassen!“