Den Geist des 11. Jänner erhalten

Paris (APA/AFP) - Millionen Menschen in Frankreich haben seit der grausamen Anschlagsserie mit 17 Toten ein tiefes Bedürfnis nach nationaler...

Paris (APA/AFP) - Millionen Menschen in Frankreich haben seit der grausamen Anschlagsserie mit 17 Toten ein tiefes Bedürfnis nach nationaler Geschlossenheit und Toleranz zum Ausdruck gebracht. Allein am Sonntag gingen landesweit fast vier Millionen Menschen auf die Straße - die Bilder gingen um die Welt.

„Das ist eine Forderung“ an die Regierenden, schrieb die Zeitung „L‘Opinion“ am Montag. Denn das Land war vor den Anschlägen politisch derart gespalten, dass sich viele nun fragen, wie lange die Einheit wohl halten mag.

Premierminister Manuel Valls erinnerte am Montag „jeden“ Franzosen an seine Verantwortung, „den Geist des 11. Jänner nicht wieder aufzugeben“. Seit langem hatte Frankreich nicht mehr ein solches Gefühl des gemeinsamen Ein- und Aufstehens für Werte wie Freiheit und Toleranz gekannt.

Im Gegenteil: Nicht nur Reformen der sozialistischen Regierung wie die Homo-Ehe hatten einen tiefen Graben in der Gesellschaft offenbart. Auch die 25 Prozent bei der Europawahl für die rechtsextreme Front National von Marine Le Pen, die Stimmung gegen Einwanderer und Muslime macht, zeigten eine zunehmende Polarisierung.

Die schrecklichen Anschläge rüttelten die Franzosen auf: „Je suis Charlie, je suis policier, je suis juif“ (Ich bin Charlie, ich bin Polizist, ich bin Jude) - die Slogans bei den Gedenkmärschen am Sonntag erinnerten nicht nur an die Anschlagsopfer, sondern waren zugleich ein Bekenntnis zur kulturellen Vielfalt Frankreichs und zum Recht jedes Einzelnen auf seinen Platz in der Gesellschaft.

Noch überwiegen der Schock und die Trauer in Frankreich. Präsident François Hollande, bei dem sich beim großen Gedenkmarsch am Sonntag in Paris zahlreiche Staats- und Regierungschefs symbolisch untergehakt hatten, nahm sich viel Zeit für die Angehörigen der Opfer, tröstete, hörte zu. Der Staatschef, dem zuvor in den Umfragen ein verheerendes Zeugnis ausgestellt wurde, bekam am Sonntag Applaus.

„Er hat sich als würdig, standhaft und einigend erwiesen“, lobte nicht nur der Historiker Michel Winock. Auch die Medien kamen fast einhellig zu dem Urteil, dass der Sozialist in dieser schwierigen Zeit das Land gestützt habe. „Die hervorragende Leistung von François Hollande“, schrieb am Montag die Zeitung „Le Monde“. Das Bild vom 11. Jänner von Hollande mit fast 50 Staats- und Regierungschefs an seiner Seite werde seine Amtszeit prägen: „Die Welt marschiert, um François Hollande herum, und Frankreich hinter ihm.“

Dass diese länder- und parteiübergreifende Geschlossenheit nicht ewig anhalten wird, ist auch dem Elysee-Palast klar. Vor allem Hollandes konservativer Rivale, Ex-Präsident Nicolas Sarkozy, brachte sich bereits in Stellung: Er forderte einen Untersuchungsausschuss zur Klärung möglicher Versäumnisse vor den Anschlägen und vertrat die Ansicht, dass es mit der Einwanderung „so nicht weitergehen“ könne. „Die Einwanderung ist nicht mit dem Terrorismus verknüpft“, sagte Sarkozy, aber sie mache „die Dinge komplizierter“. Zuvor hatte er schon von einem „Krieg“ gegen die westliche Zivilisation geredet - was ihm harsche Kritik einbrachte.

FN-Chefin Marine Le Pen hielt sich bisher noch zurück. Sie war am Sonntag bei dem Gedenkmarsch in Paris nicht dabei, sondern demonstrierte in der Provinz. Ihr Vater und Parteigründer Jean-Marie Le Pen aber hetzte bereits: Die Regierung trage die Verantwortung für die Anschläge, die letztlich Folge der „massiven Einwanderung“ seien.

Auf der anderen Seite gab es unter Frankreichs radikalen Muslimen Unterstützungsbekundungen für die Attentäter, in rund 70 Schulen des Landes wurde am Donnerstag die Schweigeminute für die Anschlagsopfer gestört. Premier Valls mahnte daher, die „gesamte Gesellschaft“ müsse für den Zusammenhalt kämpfen: „Ich will nicht, dass sich junge Leute mit diesen barbarischen Terroristen identifizieren.“