Freizeit

Schneeschöpfen für die Kunst

Vergangenes Jahr siegte Ivo Piazza beim Ischgler Schneeskulpturenbewerb, wo Pistenraupen den Künstlern zur Hand gehen. H
© TVB Paznaun-Ischgl

Vergängliche Schönheit: Morgen werden die Sieger des 22. Ischgler Schneeskulpturenwettbewerbs von einer prominenten Jury gekürt. Die TT besuchte die beiden Tiroler Teams bei der Arbeit auf knapp 3000 Metern Höhe.

Von Judith Sam

Ischgl –So mancher dürfte Ernst Schnöller um seinen Arbeitsplatz beneiden. Der Schnitzer aus Bach muss regelmäßig Sonnencreme auftragen, während er arbeitet, blickt statt auf düstere Bürowände auf verschneite Berggipfel und fährt mit den Skiern zum Mittagessen: „Urlaub oder Job? Das kann man gerade schwer sagen.“

Zusammen mit seinem Kollegen Andreas Rendl aus Elbigenalp bearbeitet er seit Anfang der Woche einen riesigen Schneeberg – „allerdings nicht zur Gaudi“, sondern im Dienste der Kunst: „Wir haben uns neben 70 anderen Künstlern beim 22. Ischgler Schneeskulpturenwettbewerb beworben und gehören nun zu den zehn auserwählten Zweierteams, die Figuren in die überdimensionalen Schneehäufen ,meißeln‘ dürfen.“

Um die geplanten drei Meter großen Kopfhörer samt Retro-Mikrofon aus Schnee herzustellen, rammt er den so genannten „Schöpser“ unablässig in den Schneehaufen: „Normalerweise wird damit Rinde von gefällten Bäumen gekratzt, aber spezielles Schneeskulpturenwerkzeug gibt es halt nicht.“ Der einzige Wermutstropfen: Schnöller muss immer wieder innehalten, während sich Skifahrer vor der noch etwas unförmigen Skulptur in Pose werfen, um Fotos zu schießen.

Die Idee zu solchen Schneeskulpturen stammt laut Peter Reiner, Eventmanager beim TVB Paznaun-Ischgl, aus Gröden in Südtirol: „Dort werden im Dorfzentrum regelmäßig Schneequader in eine Holzverschalung gepresst, an denen die Künstler ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Wir haben diese Idee allerdings leicht abgeändert.“

Eine Innovation ist etwa, dass den Ischgler Künstlern eine Pistenraupe assistiert. „Alle paar Stunden kommt eine Raupe zu uns auf das knapp 3000 Meter hohe Flimjoch an der Grenze zur Schweiz und trägt die groben Teile von der Skulptur ab“, erklärt Rendl, der hauptberuflich moderne Kunst aus Zirbenholz schnitzt.

Ebenso wie die neun anderen Teams, die über das ganze Ischgler Skigebiet verteilt an ihren Kunstwerken rund um das Thema „Castingshows“ arbeiten, muss er seine Arbeit bis Freitagmittag abgeschlossen haben: „Denn dann kürt die Jury, die unter anderem aus den Musikern DJ Antoine, Heino und Mandy Capristo besteht, im Idalp-Café den Sieger.“ Mit knapp 1000 Euro winkt dem zwar nicht besonders viel Preisgeld, „aber der Gewinner darf 2016 die Themenskulptur im Zentrum des Skigebiets in Szene setzen“, weiß Reiner.

Dieses Ziel hat auch das zweite Tiroler Schneeschnitzer-Team anvisiert, das an einer Skulptur auf der Velill-Ebene tüftelt. Die Wörgler Bildhauer Bernhard Wieser und Peter Koidl sind seit Montag emsig dabei, Schnee zu schöpfen, um ihrer Skulptur grobe Züge zu verleihen.

„Ein stressiges Programm“, kommentiert Wieser, der normalerweise Ornamente in Gemüse schnitzt. Erst Dienstagnachmittag konnten die beiden endlich beginnen, an den Details ihres Schneesängers zu arbeiten. „Die Idee zu der Skulptur kam mir, weil es eine größere künstlerische Herausforderung ist, eine bewegte Figur aus dem Schnee zu bilden als eine statische“, weiß Wieser, während er eine dünne Schneeschicht vom vereisten Skulpturengesicht feilt.

„Wir wollten einmal Teil des Schneeskulpturen-Bewerbs sein, weil sich die Arbeit hier so vom beruflichen Alltag abhebt. Außerdem lernt man Kollegen aus der ganzen Welt kennen“, erklärt der Wörgler. Dass sein Kunstwerk ein Ablaufdatum hat, stört ihn nicht: „Schließlich lebt es weiter – wenn auch nur auf den Fotos der Touristen.“

© Andreas Rottensteiner / TT
© Andreas Rottensteiner / TT
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