Mohammed-Karikaturen als doppelter Tabu-Bruch

Bonn (APA/AFP) - Eine Woche nach dem tödlichen Anschlag auf ihre Redaktion hat die französische Satirezeitung „Charlie Hebdo“ erneut Mohamme...

Bonn (APA/AFP) - Eine Woche nach dem tödlichen Anschlag auf ihre Redaktion hat die französische Satirezeitung „Charlie Hebdo“ erneut Mohammed-Karikaturen veröffentlicht - und damit Muslime in aller Welt erzürnt. Nach Ansicht vieler muslimischer Gelehrter ist es verboten, Gott und die Propheten darzustellen.

Karikaturen Mohammeds gelten dabei als besonders problematisch, weil sie einen doppelten Tabu-Bruch darstellen. Zum einen wird dabei der Bote Gottes überhaupt dargestellt, zum anderen wird er durch die Art der Zeichnung kritisiert oder sogar lächerlich gemacht.

Das islamische Bilderverbot ähnelt im Ursprung dem Verbot im Judentum und Christentum. Juden und Christen beziehen sich auf das zweite der zehn biblischen Gebote: „Du sollst dir kein Bildnis machen.“ Damit wurde es untersagt, sich Götterstatuen für die Anbetung zu erschaffen. Unabhängig von der Frage der Anbetung finden sich in der christlichen Kunstgeschichte viele Darstellungen Gottes, besonders berühmt sind etwa sie in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan.

Im Koran fehlt ein direktes Verbot ähnlich dem in der Bibel. Deshalb ist bis heute unter muslimischen Rechtsgelehrten umstritten, wie weit das Bilderverbot geht und ob es nur Skulpturen oder auch Zeichnungen umfasst. Nach einer außer-koranischen Überlieferung soll Mohammed gesagt haben: Die Engel betreten kein Haus, in dem ein Hund oder eine bildliche Darstellung sind. Während einige Muslime diese und ähnliche Überlieferungen als Absage an jegliche Darstellung von Lebewesen sehen, beziehen andere sie nur auf Gott und dessen Propheten.

Darstellungen Gottes sind im Islam quasi unbekannt. Prophetenbilder gibt es dagegen im Orient seit Jahrhunderten. Im Mittelalter blühte im persischen Kulturraum und im damaligen Osmanischen Reich die Buchmalerei auf. Die Künstler stellten Mohammed und die anderen Propheten - zu denen in der islamischen Überlieferung auch Jesus gehört - immer wieder dar. Allerdings waren die Buch-Illustrationen immer respektvoll. Häufig wurden die Propheten mit einem Flammenkranz, vergleichbar einem Heiligenschein, gemalt. Oft wurden auch die Gesichtszüge ausgespart. Koran-Ausgaben oder die Wände von Moscheen wurden nie mit Bildern verziert.

Später setzte sich ein weitgehendes Bilderverbot immer mehr durch, vor allem im sunnitischen Islam. Als Folge entwickelten sich im Orient die Künste der Schönschrift und der ornamentalen Verzierung. Als der syrische Regisseur Mustafa Akkad vor knapp 40 Jahren seinen Zehn-Millionen-Dollar-Film „Mohammed - Der Gesandte Gottes“ drehte, ließ er die Titelrolle unbesetzt. In dem Film, in dem auch Anthony Quinn mitspielte, ist Mohammed nie zu sehen.

Im schiitischen Islam ist die Darstellung von Mitgliedern der Prophetenfamilie dagegen bis heute verbreitet. Bilder von Ali und Hussein, dem Schwiegersohn und dem Enkel Mohammeds, sind im Iran oder anderen schiitisch geprägten Regionen vielerorts zu sehen. Satirische Darstellungen sind allerdings auch im Schiitentum tabu.