Cumberbatch über Alan Turing: „Dieser Mann ist ein Nationalheld“
Wien (APA/dpa) - Alan Turing ist für Benedict Cumberbatch („Sherlock“) ein Volksheld. Beim Dreh zu „The Imitation Game“ ging dem Briten das ...
Wien (APA/dpa) - Alan Turing ist für Benedict Cumberbatch („Sherlock“) ein Volksheld. Beim Dreh zu „The Imitation Game“ ging dem Briten das Schicksal des schwulen Mathe-Genies so nahe, dass er weinen musste. Aktuell sei die Geschichte bis zum heutigen Tag, findet er, wie er Medien erzählte.
Frage: Hat Sie diese Geschichte wütend gemacht?
Benedict Cumberbatch: Sehr wütend. Als ich das Drehbuch gelesen habe, war ich amüsiert und fasziniert, entgeistert, verwirrt, wütend und sehr traurig. Als ich die letzte Szene gespielt habe, gab es ein paar Einstellungen, bei denen ich nicht aufhören konnte, zu weinen. Das war nicht gespielt, nicht gut gespielt, sondern mir wurde klar, dass ihm das wirklich passiert ist, dass diese Ungerechtigkeit wirklich jemandem widerfahren ist.
Frage: Heute können wir uns so etwas nicht mehr vorstellen...
Cumberbatch: Nicht? Es ist 60 Jahre her. Es ist barbarisch, sich vorzustellen, dass es jetzt hier passieren würde, in unserer westlichen Demokratie. Aber in der Wiege der Demokratie, Griechenland, ist während der Sparmaßnahmen die Partei „Goldene Morgenröte“ aufgestiegen. Männer und Frauen wurden öffentlich verprügelt, weil sie homosexuell sind. Russlands Haltung zu Homosexualität - das ist irgendwie beängstigend. Es ist keine Geschichtsstunde. Es ist leider und erstaunlicherweise aktuell und wichtig zu sehen, dass Menschen in Zeiten von Armut, Nationalismus oder Faschismus Minderheiten zu Sündenböcken machen.
Frage: Erst Sherlock Holmes, jetzt Mathe-Genie - sind Sie der Schauspieler, den man für hochintelligente Charaktere bucht?
Cumberbatch: Einer von vielen! Ich lehne es ab, das die ganze Zeit zu machen. Wenn ich spüre, dass an einem Charakter etwas besonders ist, dann mache ich es, intelligent oder nicht. Ich habe dumme Menschen gespielt, ich habe lustige Menschen gespielt, ich habe korrupte Menschen gespielt, ich habe Helden gespielt und Mischungen aus alledem. Die Außergewöhnlichen ragen heraus. Die, die über unseren Verstand gehen, ragen heraus.
Frage: Haben Sie die Mathematik und die Wissenschaft im Film verstanden?
Cumberbatch: Nur sehr wenig. Ich habe es natürlich so gut wie möglich versucht, um den Momenten gerecht zu werden, wenn sie in der Geschichte sehr wichtig sind. Ich bin kein Ingenieur, ich habe keinen Doktor in reiner Mathematik. Wie bei so vielem, was er ist, muss ich so tun, als wäre ich es. Ich war nicht dazu berufen, ein Mathe-Hirn zu sein.
Frage: Fühlen Sie eine Verantwortung, Filme zu machen, die eine Debatte auslösen?
Cumberbatch: Geschichten, die wichtig zu erzählen sind, haben einen großen Reiz für mich als Schauspieler. Aber nicht, um Kontroversen auszulösen, sondern um Leuten Geschichten zu erzählen, die sie sonst vielleicht nicht kennen würden. Dieser Mann ist ein Nationalheld, er sollte mit Isaac Newton und Darwin genannt werden als einer der größten Wissenschafter, die wir je hatten. Ein Philosoph, ein Kriegsheld und eine Schwulenikone. Dafür sollte er auf Titeln von Geschichtsbüchern und wissenschaftlichen Büchern sein, und weiß Gott sogar auf Banknoten.
(Das Gespräch führten Britta Düysen und Teresa Dapp/dpa)
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