Mehr Politik in der Schule?
Integrationsminister Sebastian Kurz fordert Politische Bildung als Pflichtfach. Experten wollen jüngere Schüler einbeziehen. Die Form ist offen.
Von Sabine Strobl
Innsbruck, Wien –Auf die Terroranschläge in Paris will Frankreich mit einer Bildungsoffensive antworten. Das Zusammenleben soll in der Schule besser eingeübt werden. In Österreich forderte Sebastian Kurz (ÖVP) Politische Bildung als Pflichtfach ab der fünften Schulstufe. Er holte sich zwar bei Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) eine Abfuhr, aber an anderen Stellen Beifall. Tirols Bildungslandesrätin Beate Palfrader (ÖVP) hat 25 Jahre Politische Bildung an einer berufsbildenden Schule unterrichtet. „Ich kann Politische Bildung als Pflichtfach nur begrüßen“, erklärt sie, „Politische Bildung ist ja nicht parteipolitische Bildung. Es geht um das Verstehen von Beteiligungsprozessen.“ Man könne auch jüngere Schüler damit konfrontieren.
Auch der Innsbrucker Politikwissenschafter Reinhold Gärtner, dessen Werk „Politik für junge Leute“ im Internet zugänglich ist, findet ein Pflichtfach Politische Bildung sinnvoll. „Dann könnte man endlich eine strukturierte Ausbildung auf die Beine stellen. In Latein und Mathematik gibt es ein Lehramt. Für Politische Bildung derzeit nicht.“ Gärtner verfolgt die Diskussion um Politische Bildung in der Schule seit 20 Jahren. Der Unterricht hängt vom individuellen Engagement der Lehrpersonen ab. „Das Interesse der Jugend ist da. Zuletzt besuchte ich das Meinhardinum in Stams. Wir haben zwei Stunden über Politik geredet. Die Fragen reichten von Demokratiequalität bis zu Islamophobie.“
Seit 1978 gilt der Grundsatzerlass, Politische Bildung als Unterrichtsprinzip in alle Fächer und Schulstufen einzugliedern. Unter dementsprechend vielen Formen wird Politischer Unterricht praktiziert. Für den Polytechnischen Lehrgang gibt es das Fach „Politische Bildung und Wirtschaft“. In den Berufsschulen sind 80 Einheiten Politische Bildung verpflichtend zu absolvieren. Seit 2001 wird das Fach „Geschichte/Sozialkunde und Politische Bildung“ geführt. Das trifft für NMS und AHS zu. So findet man zum Start im Schulbuch die Rolle der Frau in Ägypten und die Demokratie am Beispiels Athens besprochen. Wie Margret Fessler, Direktorin vom Gymnasium in der Au, berichtet, werden in ihrer Schule in der Unterstufe Schlüsselkompetenzen vermittelt und in der Oberstufe ein Klassenrat als Form demokratischer Praxis angeboten. Die Pädagogin betont: „Noch dringender als Politische Bildung ist das Fach Ethik.“
Je nach Blickwinkel ist die Politische Bildung frei organisierbar oder vernachlässigbar. Patricia Hladschik vom Wiener Zentrum Polis, Politik lernen in der Schule, erklärt: „Ich bin nicht sicher, ob ein Pflichtfach die Probleme Österreichs löst. Es braucht ein Bekenntnis, dass sich alle zuständig fühlen.“ Fächerdenken sei überholt. Das Institut hat in den letzten Tagen mehr Anfragen verzeichnet. Unabhängig davon nehme das Interesse im Volksschulbereich zu.
Die Tiroler Landesregierung hat letztes Jahr die Einführung des Faches Politische Bildung gefordert, Die Grünen brachten im Nationalrat einen Antrag ein. Vorerst soll Österreichs einziger Lehrstuhl für Politische Didaktik in Wien wieder besetzt werden.
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