Residenztheater: Castorf schickt Brechts „Baal“ in den Dschungelkrieg
München (APA) - Ein Armeehubschrauber mit Playboy-Logo, ein Militärzelt, ein fernöstlicher Tempel, ein Wasserbecken; immer wieder das Geräus...
München (APA) - Ein Armeehubschrauber mit Playboy-Logo, ein Militärzelt, ein fernöstlicher Tempel, ein Wasserbecken; immer wieder das Geräusch des Regens. Vom „Geruch von Napalm am Morgen“ ist die Rede, der Duft von Patschuli liegt in der Luft. Doch nicht „Apocalypse Now“ wird im Residenztheater gespielt, sondern eine eigenwillige Version von „Baal“. Castorf schickt Brechts asozialen Poeten in den Dschungelkrieg.
Seit langem betreibt Frank Castorf, 63-jähriger Berliner Volksbühnen-Intendant, eine Theater-Manufaktur, in der auf unterschiedliche Stoffe die gleiche Rezeptur angewandt wird: In einem drehbaren, verschachtelten Bühnenbild (Aleksandar Denic) wird unter Zuhilfenahme von Live-Video und unter Beigabe vielfältiger Einfälle eine Vorlage so zum Rotieren gebracht, dass die Fetzen fliegen und die bestehende Ordnung aufgelöst wird. Manchmal wird ein anarchischer Spaß daraus, manchmal werden dabei neue Erkenntnisse gewonnen. Selten gelingt beides auf einmal, in München jedoch - nichts davon.
Warum Castorf das menschliche Tier, den fetten, sich wüst über alle Konventionen hinwegsetzenden und die Menschen gerade dadurch betörenden Dichter (mit starker Körperpräsenz: Aurel Manthei) der Stückvorlage als Soldat im Korea/Indochina/Vietnam-Krieg ansiedelt, erschließt sich nicht, zumal die Entmenschung, die der Krieg unweigerlich mit sich bringt, nicht nur als bekannt vorausgesetzt werden darf, sondern auch die Perspektiven verschiebt. Deutlich wird aber, dass der Regisseur, der kurzfristig seine Inszenierung von dreieinhalb auf vierdreiviertel Stunden Länge anwachsen ließ, am (Anti-)Kriegspielen mehr Spaß hat als an der Auseinandersetzung mit der Bürgerschreck-Figur des jungen Brecht. Zwischen Krieger und Dichter wird da mehrfach hin- und her geswitcht, ohne dass etwas zusammenflösse außer Körpersäfte.
Natürlich gibt es auch diesmal viel zu sehen und zu hören: Surf-Einlagen vor Blue-Screen und Opern-Arien auf mehreren Sprachen (toll bei Stimme: Hong Mei). Ein Schwein wird penetriert und aufgegessen, ein Schicksal, das auch Baals treuem Ekart (Franz Pätzold) droht, denn angesichts Baal‘scher Enthemmungen fühlt sich auch seine Umgebung kannibalisch wohl. Es wird gerammelt und gestammelt, gerungen und gesungen, gevöllert und gevögelt, viel gebrüllt und auch mal an malerisch aufgemalten Beinwunden geleckt („Hm, lecker Schoko-Eiter!“). Rock-Songs und Chansons liefern den Soundtrack dazu.
Und natürlich sind die Darsteller hoch motiviert und voll dabei. Die Steirerin Andrea Wenzl, seit 2011 am Residenztheater, erfüllt mit Verve, Todesverachtung und Pieps-Stimme als Sophie die Kathrin-Angerer-Rolle im Castorf‘schen Welttheater, Jürgen Stössinger jene des Henry Hübchen. Und Bibiana Beglau beweist in ihren wenigen Auftritten erneut ihre stupenden Ausdrucksmöglichkeiten und darf auch - etwa mit Verweisen auf ihre „Faust“-Erfahrung - ein paar Insider-Scherze anbringen. Die Schachtel mit kiloweise noch uninszeniertem Text, die sie alleine über die Rampe bringen soll, während die anderen in die Kantine gehen, bleibt glücklicherweise dennoch ungeleert. Dafür fliegt der harte Kern der Truppe dank Videotechnik wie weiland Faust mit Mephisto durch die Lüfte, diesfalls über Paris. Denn die Franzosen hängen in Indochina mit drinnen, das zeigt auch eine mit Theatermitteln verdoppelte Filmszene.
„Jedes Mal, wenn sich heute zwei Franzosen begegnen, ist eine Leiche zwischen ihnen“, spricht Beglau gegen Ende ins bereits zur Pause deutlich dezimierte Publikum. „Frankreich war einst der Name eines Landes - passen wir auf, dass es nicht der Name einer Neurose wird.“ Ist auch Castorf Charlie? Nein - es ist ein Sartre-Zitat, bezogen auf den Algerien-Krieg. Irgendwie ist alles eins. Und alles vielleicht auch einerlei. Freundlicher Applaus, eine Viertelstunde vor Mitternacht.
(S E R V I C E - „Baal“ von Bertolt Brecht, Regie: Frank Castorf, Bühne: Aleksandar Denic, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Live-Kamera: Marius Winterstein und Jaromir Zezula, Video: Stefan Muhle, Dramaturgie: Angela Obst, Mit Aurel Manthei - Baal, Franz Pätzold - Ekart, Andrea Wenzl - Sophie, Katharina Pichler - Die ältere Schwester, Hong Mei - Die jüngere Schwester, Jürgen Stössinger - Gougou, Götz Argus - Watzmann, Bibiana Beglau - Isabelle, die Höllengemahlin, Residenztheater München, Weitere Aufführungen: 18., 24.1., 6., 13., 28.2., Karten: 0049/89/2185 1940, www.residenztheater.de)
(B I L D A V I S O - Pressebilder stehen im Pressebereich von www.residenztheater.de zum Download bereit.)
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