Experten halten These vom „Einsamen Wolf“ bei Islamisten für falsch
Paris (APA/AFP) - Die islamistischen Anschläge von Paris und die Zerschlagung einer Extremistenzelle in Belgien haben nach Auffassung von Ex...
Paris (APA/AFP) - Die islamistischen Anschläge von Paris und die Zerschlagung einer Extremistenzelle in Belgien haben nach Auffassung von Experten die Theorie vom „Einsamen Wolf“ widerlegt, der sich unbemerkt im stillen Kämmerlein radikalisiert und dann eigenmächtig in Aktion tritt.
Ob es die Attentäter auf das französische Satireblatt „Charlie Hebdo“ - die Brüder Kouachi -, der Geiselnehmer aus dem jüdischen Supermarkt in Paris - Amedy Coulibaly - oder andere Jihadisten sind, die in den vergangenen Jahren in westlichen Ländern zur Tat schritten - die Ermittlungen haben gezeigt, dass sie alle Verbindungen zu islamistischen Organisationen oder zur radikalen Islamistenszene hatten.
„Die Zerschlagung von Netzwerken in Frankreich und Belgien zeigt ein weiteres Mal die Nichtigkeit des Mythos‘ vom ‚Einsamen Wolf‘“, sagt Jean-Pierre Filiu von der französischen Elite-Hochschule Science Po. Beim so genannten Einsamen Wolf handle es sich weitgehend um eine „erfundene Figur“, um ein „intellektuelles Konstrukt“, das während des 2001 vom damaligen US-Präsidenten George W. Bush ausgerufenen „Kriegs gegen den Terror“ aufgekommen sei. Die Schaffung eines „Feindes im Innern“, der nicht zu fassen, aber allgegenwärtig sei, habe dazu gedient, „freiheitsbeschneidende Maßnahmen vom Typ Patriot Act“ zu erlassen, sagt Filiu. Das Gesetz hatte den US-Geheimdiensten weitreichende Möglichkeiten eingeräumt.
Die „Charlie Hebdo“-Attentäter Said und Cherif Kouachi standen in Kontakt mit Al-Kaida auf der arabischen Halbinsel (AQAP) - dem als besonders gefährlich geltenden Ableger des Terrornetzwerks. Amedy Coulibaly berief sich bei seinen Taten auf die Jihadistenmiliz „Islamischer Staat“ (IS). Auch wenn Coulibaly offenbar nicht in direktem Kontakt mit dem IS gestanden sei, so habe er sich doch selbst zu dessen „bewaffnetem Arm“ gemacht, sagt Louis Caprioli, Ex-Chef des französischen Inlandsgeheimdienstes DST.
„Er hat sich von ihren Drohungen gegen Frankreich inspirieren lassen“, sagt Caprioli. Das sei die Macht der jihadistischen Propaganda: „Sie bringt Leute zu Selbstmordtaten, die zwei Monate zuvor noch nicht einmal darüber nachgedacht haben.“ Die „geistige Manipulation“ der Jihadisten sei „außergewöhnlich“.
Als Paradebeispiel für den „Einsamen Wolf“ galt lange Zeit Nidal Malik Hassan, der muslimische Militärpsychiater, der 2009 auf dem Armeestützpunkt Fort Hood im US-Staat Texas 13 Menschen tötete. Auch wenn er allein handelte, zeigten die Ermittlungen später jedoch, dass er im Kontakt mit AQAP stand. „Hinter den islamistischen Anschlägen findet man immer einen Auftraggeber“, sagt Filiu.
Die Art und Weise, wie die Aufträge erteilt werden, variiert aber. Auch wenn Al-Kaida oder der IS in ihren Bekennererklärungen oft behaupten, die in Aktion getretenen „Helden“ hätten präzise Anweisungen bekommen, zeigen die Ermittlungen häufig, dass die Täter großen Handlungsspielraum haben. Sie bestimmen Ziele und Vorgehen selbst und müssen auch für die Finanzierung ihrer Anschläge sorgen.
Auch das US-Sicherheits-Beratungsunternehmen Soufan Group hält das Konzept vom „Einsamen Wolf“ für fehlgeleitet und geht stattdessen von „bekannten Wölfen“ aus. „Diese Einzelpersonen, die allein oder in kleinen Gruppen handeln, waren im Blickfeld der unterschiedlichen Behörden und Institutionen“, heißt es in einem aktuellen Bericht des Unternehmens vom Freitag.
In Belgien sei es den Behörden gelungen, Geheimdiensterkenntnisse über Jihad-Bewegungen und Anhänger radikaler Ideologien mit Erkenntnissen über Einzelpersonen mit kriminellem Hintergrund zu verbinden, heißt es in dem Bericht. Dadurch seien mögliche Anschläge verhindert worden. 2015 und darüber hinaus werde es darauf ankommen, „die Pläne der ‚bekannten Wölfe‘ mit extremistischer Ideologie und kriminellem Verhalten zu durchkreuzen“.
Kommentare