Hoffen und Bangen vor dem Start der Zentralmatura
Alle AHS-Maturanten erhalten in Österreich ab heuer schriftlich die gleichen Aufgaben. Die Reform soll mehr Fairness bewirken, erzeugt aber auch Unsicherheit.
Von Markus Schramek
Innsbruck – Am 5. Mai erlebt die Zentralmatura an den allgemeinbildenden höheren Schulen (AHS) ihren Bewährungstest. Da nehmen 20.000 AHS-Schülerinnen und -schüler in ganz Österreich – 1435 sind es in Tirol – die schriftliche Deutsch-Matura in Angriff.
Eine Prüfung für ganz Österreich
Großer Aufwand. Heerscharen von Experten haben unter dem Dach des Bundesinstituts für Bildungsforschung („Bifie“) an der Zentralmatura gearbeitet. Das Ministerium hatte den Aufrag dazu erteilt.
Pannen.
Tests wurden absolviert, um Prüfungsaufgaben herauszufiltern. Pannen blieben nicht aus. So wurde das Punktelimit für eine positive Note in den Fremdsprachen kurzfristig angehoben; und in Deutsch fand sich der Text eines Autors mit fragwürdiger Nazi-Vergangenheit wieder.
Fünfer bei Probematura.
Die schriftliche Matura kann in den 8. Klassen in Form von Probeschularbeiten geübt werden. Auch diese finden bundesweit am selben Tag statt. Der Probelauf für die Mathe-Matura war am 11. Dezember. 28,5 Prozent aller 3559 Schüler, die in ganz Österreich daran teilnahmen, wurden mit „Nicht genügend“ beurteilt.
Tirols Maturanten
schnitten mit 25 Prozent Fünfern etwas besser ab.
Langform des Gymnasiums besser.
Schülerinnen (33 Prozent „Nicht genügend“) schnitten bei der Mathe-Probe für die Matura schlechter ab als Schüler (22,4 Prozent). Schüler von Oberstufengymnasien (40,8 Prozent Fünfer) lagen deutlich hinter Schülern, die ein achtjähriges Gymnasium besuchen (26,8 Prozent negativ). Am relativ besten schlugen sich die Realgymnasien (23,2 Prozent Fünfer).
Auch für Lehrer schwer.
45 Prozent der Lehrer haben die Aufgaben der Mathematik-Probe als „schwer“ eingeschätzt. Tirols AHS-Inspektor Thomas Plankensteiner vermutet daher, dass die Rechenbeispiele bei der Matura selbst nicht ganz so schwer ausfallen.
Schriftlich und mündlich.
Dieselben Prüfungsaufgaben gibt es bundesweit nur bei der schriftlichen Matura und zwar in den so genannten Hauptfächern Deutsch, Mathematik und in den meisten Fremdsprachen. Die mündliche Matura wurde ebenfalls reformiert, bleibt aber Sache der jeweiligen Schule. Schüler ziehen verdeckt zwei Themen aus einem Themenpool, wählen eines davon aus und werden dann dazu befragt.
Den Prüflingen wird in den Morgenstunden dieses Frühlingstages ein Kuvert überreicht. In diesem befinden sich die gleichen drei Aufsatzthemen zur Wahl – in allen Gymnasien zwischen Vorarlberg und dem Burgenland.
Tags darauf ist Englisch an der Reihe. Auch „in English“ sind die Matura-Aufgaben bundesweit identisch, ebenso in den weiteren Fremdsprachen.
Groß dürfte die Nervosität am 11. Mai sein, dem Tag der schriftlichen Matura in Mathematik. Alle Achtklassler haben dabei die gleichen rechnerischen Nüsse zu knacken.
Im Dezember fand ein bundesweiter Test für die Mathe-Matura statt. Die Ergebnisse zerren zusätzlich am Nervenkostüm. 28,5 Prozent aller Arbeiten waren Nicht genügend. In Tirol waren es 25 Prozent (siehe Kasten links).
In der Schüler- und Lehrerschaft herrscht vor der Matura ein Stimmungsgemisch aus Hoffen, Bangen und Beten. Tirols AHS-Schulinspektor Thomas Plankensteiner reiht sich ins Lager der Optimisten ein. „Die Zentralmatura ist gut vorbereitet und wird funktionieren“, ist der frühere Deutschlehrer überzeugt. „Das neue Modell ist gerechter als das bisherige“, befindet der Pädagoge. „Bisher war das geforderte Wissen von Schule zu Schule unterschiedlich. Jetzt ist es für alle Schüler gleich.“
Peter Retter, Obmann der Tiroler Elternvereine, sieht das ähnlich. „Schwindelaktionen werden jetzt abgestellt“, sagt Retter. Durch die Reform der Matura sei es nicht mehr möglich, dass die Schüler wissen, welche Aufgaben sie für die Reifeprüfung erhalten.
Bei Tirols Schülern bzw. deren Sprachrohren ist dagegen große Verunsicherung spürbar. Judith Nagiller („Schülerunion“) sieht nicht so sehr die Zentralmatura als Problem. „Dagegen gehen wir sicher nicht auf die Straße“, macht sie deutlich. Ihr missfällt der Sparkurs an den Schulen. Die Vorbereitungsstunden für die Matura seien gekürzt worden. Das erhöhe den Druck auf die Maturanten noch zusätzlich.
Sophia Minatti von der „Aktion kritischer SchülerInnen Tirol“ ist selbst direkt betroffen. Sie maturiert heuer an einem Innsbrucker Gymnasium. Minatti fühlt sich „überhaupt nicht gut“ auf die neue Matura vorbereitet, wie sie der TT erzählt.
„Alle paar Wochen haben uns die Lehrer über Änderungen informiert“, sagt Minatti. Die Aufgabenformate seien völlig neu. Zeit, um diese zu üben, sei wenig geblieben. „Viele Lehrer sind total verunsichert“, berichtet die Schülerin.
Auch die mündliche Matura wurde einer Reform unterzogen. Ihre Durchführung bleibt zwar weiterhin Sache der jeweiligen Schule, der zusätzliche Aufwand ist aber beträchtlich. Manche Lehrer sollen sogar davon abraten, die mündliche Matura bei ihnen abzulegen.
Josef Pallhuber, Obmann des Katholischen Tiroler Lehrervereins, sieht organisatorisch keine großen Probleme auf die Gymnasien zukommen. Er bezweifelt aber, dass der große Aufwand der Zentralmatura die gewünschten Erfolge bringt. „Das neue System produziert standardisierte Ergebnisse, die europaweit vergleichbar sind.“ Die jeweiligen Stärken der Schüler würden dagegen weniger gefördert.
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