„Das war Neuland“ - Produzent Manfred Eicher über Keith Jarrett

Köln (APA/dpa) - Abendfüllende Solokonzerte, jeweils in einem großen Spannungsbogen improvisiert - was der Jazzpianist Keith Jarrett Anfang ...

Köln (APA/dpa) - Abendfüllende Solokonzerte, jeweils in einem großen Spannungsbogen improvisiert - was der Jazzpianist Keith Jarrett Anfang der 70er Jahre machte, war Neuland. Das galt auch für seinen Auftritt 1975 in Köln, sagt sein Produzent Manfred Eicher.

Frage: Einerseits gilt das Köln Concert als meistverkaufte Solo-Jazz-Platte, andererseits sagen Kritiker, das liege daran, dass es eigentlich Popmusik ist. Wie sehen Sie das?

Antwort: Es ist sicher keine traditionelle Jazz-Platte, sondern es ist eine Platte von Keith Jarrett. Er hat in den 70er Jahren eine Musik entwickelt, die über die Grenzen weist.

Frage: Haben Sie als Produzent damals sofort gemerkt, dass da etwas Außergewöhnliches passiert?

Antwort: Das Konzert war außergewöhnlich, weil es auch einen anderen Ansatz hatte als die anderen Konzerte vorher und nachher. Keith war in einer unglaublich guten Spiellaune, obgleich er am Nachmittag haderte mit dem Instrument. Der Stimmer hat aber alles getan und den Flügel für das Konzert so gut gestimmt, wie es möglich war - und dann hat Keith ein wunderbares Konzert gespielt; danach haben wir schon gewusst, dass es ein besonderes ist.

Frage: Stimmt es denn, dass Keith Jarrett sich beim Flügel auf die tiefen und mittleren Töne beschränken musste?

Antwort: Das würde ich so nicht sagen. Keith entwickelt immer eine Affinität zu seinem Instrument und findet heraus, was es ihm zurückgibt. Und an diesem Abend hat er mit diesem Flügel ein sehr gesangliches Konzert gespielt, mit Themen, die Bestand haben. Das war ein Konzert mit einem weiten Bogen.

Frage: Vor über 20 Jahren hat Jarrett im „Spiegel“ mal gesagt, man solle Aufnahmen wie die aus Köln einstampfen, damit nicht Konserven wichtiger werden als Live-Musik. Ist da was dran?

Antwort: Keith wird immer festgelegt auf das Köln Concert, auch heute noch. Er hat sich pianistisch und musikalisch seitdem weiterentwickelt, und niemand wird gerne festgelegt auf das, was er schon früher gemacht hat. Uns hat er nie gesagt, dass es eingestampft werden soll oder dass wir es nicht mehr im Katalog führen sollen.

Frage: Anfang der 70er Jahre waren solche großen Soloimprovisationen Neuland, oder?

Antwort: Vor allem in dieser Form. Das waren ja integrale Konzerte. Keith Jarrett hat diese langen Sets gespielt, nicht unter 45 Minuten oder einer Stunde, ohne Pause, mit diesen Wellenbewegungen, diesen Brüchen, die dabei entstanden. Damit hat er eine ganz besondere musikalische Konzeption entwickelt - das war damals Neuland.

Frage: Aber wie kann es sein, dass das Publikum so offen war für derartig Neues, dass das Köln Concert einen solchen Erfolg hatte?

Antwort: Vielleicht hat das Publikum gespürt, dass es immer ein sehr großes Risiko ist, ein solches Konzert aus dem Nichts heraus zu spielen und etwas zu entwickeln, und hat sich davon in den Bann ziehen lassen.

Frage: Das Köln Concert wurde transkribiert, man kann es als Notenheft kaufen - sollten Pianisten es auch aufführen wie ein klassisches Werk?

Antwort: Ich möchte es lieber nicht hören.

ZUR PERSON: Manfred Eicher (71) gründete 1969 das Label ECM Records, dessen Geschäftsführer er bis heute ist, gemeinsam mit Karl Egger. Außer von Keith Jarrett veröffentlichte er auch Musik von Jazz-Größen wie Jan Garbarek, Chick Corea oder Pat Metheny.

(Das Gespräch führte Jürgen Hein/dpa)