Monika Eigensperger: Für den Hausbau braucht es Visionen

FM4 feiert seinen 20. Geburtstag. Senderchefin Monika Eigensperger über Radio mit Qualitätsanspruch und relevante Musik aus Österreich.

ie Journalistin und Moderatorin Monika Eigensperger begann 1980 bei Ö3, 1993 wurde sie stv.Chefin bei Ö3, seit 1996 leitet sie FM4.
© FM4

FM4 feiert 20. Geburtstag. Sie waren an der Konzeption des Senders beteiligt. Welche Bilanz ziehen Sie zum Jubiläum?

Monika Eigensperger: Dass es überhaupt möglich war, einen Kultursender für ein jüngeres Publikum zu machen, der mehrheitlich fremdsprachig ist und den immerhin täglich zwischen 270.000 und 300.000 Menschen hören, ist ein Wunder. Das ist ja ein nicht unbedingt einfaches Nebenbei-Programm. Dass sich in Österreich gleich zwei Kultursender behaupten können, finde ich schön. Ö1 erfreut sich ebenso wie FM4 im europäischen Vergleich ja über einen extremen Zuspruch.

Laut Radiotests lagen Sie im ersten Halbjahr 2014 bei drei Prozent Marktanteil. Gibt es einen Quotendruck?

Eigensperger: Ich denke nicht, dass man bei uns von Quotendruck sprechen kann. Wir sind klar als Kultursender für eine jüngere Zielgruppe positioniert, da geht es eher um den Anspruch, ein gewisses Qualitätsniveau zu erfüllen.

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Wäre der Qualitätsanspruch auch ohne die vielen freien Mitarbeiter realisierbar?

Eigensperger: Bei FM4 arbeiten etwa 40 Mitarbeiter in Teilzeit – teilweise auch in durchaus verantwortungsvollen Positionen. Viele sind Experten auf ihrem Gebiet. Ich schätze mich sehr glücklich, diese Vielfalt an Wissen bei FM4 beherbergen zu dürfen. Auf keinen von ihnen kann und will ich verzichten.

Das FM4-Zielpublikum ist für die Werbewirtschaft besonders sexy: jung, urban, kulturell interessiert und kaufkräftig. Gab es – abgesehen davon, Werbung zu spielen – Begehrlichkeiten?

Eigensperger: Nein. Aber es ist auffällig, dass wir die jüngeren, gut gebildeten Radiohörer überrepräsentativ versammeln können. Natürlich ist das eine interessante Gruppe. Was stimmt, ist, dass bestimmte Sachen finanziell für uns nicht möglich wären, wenn wir keine Kooperationspartner hätten, wie z. B. die Überraschungskonzerte oder die Radiosessions nach BBC-Vorbild.

Sie haben FM4 vom Jugend-zum Kultursender geführt, im Zuge von Sparpaketen drohte aber auch immer wieder die Einstellung.

Eigensperger: Die Begehrlichkeiten auf FM4 beziehungsweise auf die Radiofrequenzen hat es immer wieder gegeben. Natürlich waren diese Bestrebungen ernst zu nehmen, weil Lobbying irgendwann mal auch Erfolg haben kann. Innerhalb des ORF habe ich von meinen Generaldirektoren oder von Alexander Wrabetz, als er noch kaufmännischer Direktor war, immer einen starken Rückhalt verspürt. Die Außenwelt hat aber schon immer wieder Schlagworte gebracht, die missverständlich waren, wie zum Beispiel die Privatisierung von FM4.

Wird es FM4 in 20 Jahren noch geben und wenn ja, in welcher Form?

Eigensperger: Mit diesen Glaskugel-Sachen tu ich mich wahnsinnig schwer. Aber ich glaube an das Medium Radio. Das Bedürfnis, Dinge zu hören, wird bleiben. Alles, was mit Internet und mit Social Media zu tun hat, wird weiter an Bedeutung gewinnen. Wir haben jetzt schon die zweite Generation an Digital Natives, die mit Medien komplett anders umgeht.

Die geplante Absiedelung aus dem Funkhaus wird heiß diskutiert. Fürchten Sie um die Selbstständigkeit von FM4 mit einem trimedialen Newsroom?

Eigensperger: Der Newsroom ist ja vor allem dazu da, eine andere Arbeitsweise zu entwickeln, wenn es um aktuelle Themen geht. Darüber hinaus gibt es neben der Tagesaktualität so etwas wie Themenmanagement und Programmgestaltung. Das hat mit dem Newsroom nichts zu tun. Wenn wir aber von Crossmedialität oder Trimedialität reden, dann ist es gut, wenn es Menschen gibt, die querdenken können. Natürlich wird es immer Spezialisten geben. Bei FM4 ist jeder zumindest bimedial, denn die Themen werden auf unserer Online-Seite komplett anders aufgearbeitet als für das Radio. Aber FM4 wird ja mit Ö3 und Ö1 in einem eigenen Gebäude sitzen.

Also keine Angst vor Qualitätsverlust?

Eigensperger: Ich hoffe schon, dass wir alle bis zu diesem Zeitpunkt eine Vision entwickeln, die mehr ist als „Wir bauen jetzt ein Haus“.

Österreichische Bands wie Ja, Panik oder Bilderbuch werden auch im Ausland gefeiert. Hat die Erstarkung der heimischen Musikszene auch mit FM4 zu tun?

Eigensperger: Für FM4 war es von Anfang an wichtig, österreichische Kunst- und Kulturmacher vorkommen zu lassen, und da wir ein Radiosender sind, natürlich vor allem die Musik. Dass sich in den Musikbereichen, die zu FM4 passen, im Laufe der Jahre derartig viel entwickelt hat und über die Grenzen hinaus erfolgreich ist und auch immer wieder neues Relevantes nachgekommen ist, hat schon damit zu tun, dass wir eine ernst zu nehmende Plattform sind, die sich mannigfaltig dafür einsetzt. Nicht nur was das Airplay oder die Gründung des Soundparks betrifft. Das geht bis zu unseren eigenen Veranstaltungen, wo wir immer darauf geachtet haben, viele österreichische Musiker mitzurepräsentieren. Etwa auch auf unserer CD-Reihe „Sound Selections“, wo halbjährlich ein internationaler Querschnitt und gleichberechtigt der Querschnitt des Relevanten aus Österreich erscheint.

Was ist programmtechnisch für 2015 geplant? Zuletzt gab es eine Öffnung für wirtschaftspolitische Themen.

Eigensperger: In den letzten zwei Jahren hat das Thema Wirtschaft eine andere Relevanz bekommen. Keine Ahnung, was in einem halben Jahr als großes zu diskutierendes Thema auf uns zukommt. Gut ist es, wenn wir in der Mannschaft Menschen haben, die imstande sind, diese neuen Aufgabenstellungen zu bewältigen und sich mit Feuereifer reinhauen. Wichtig ist, dass wir in Bewegung bleiben.

Das Gespräch führte Silvana Resch

Mit „Sabotage“ ins Vollprogramm

Am 16. Jänner 1995 ging das ORF-Radio FM4 erstmals on air. Die Frequenz wurde mit dem englischsprachigen Blue Danube Radio geteilt, FM4 schickte erst ab 19 Uhr die Klänge des Undergrounds über den Äther. Der erste Song im Programm war „Sabotage“ von den Beastie Boys.

Seit 2000 läuft FM4 im Vollprogramm. Der FM4-Soundpark wurde 2001 gegründet. Dieser bietet Nachwuchskünstlern nicht nur im täglichen Radiogeschehen sondern auch im Internet eine Präsentationsplattform. Aktuell sind mehr als 6.700 Künstler dort zu finden.

Am 24. Jänner steigt die FM4-Geburtstagsparty in der Wiener Ottakringer Brauerei. Zu den Live-Acts zählt die Hamburger Band Die Sterne, Bloc Party-Frontmann Kele oder die Indie-Gruppe Sizarr, das Chimperator Label (Cro) hostet einen eigenen Floor. HVOB, Catastrophe & Cure und Skero zählen zu den heimischen Acts. Etliche FM4-DJs sind freilich auch vertreten.


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