Charlie Hebdo - „Attacke auf laizistische Tradition“

Wien (APA) - Das Attentat auf die Redaktion des französischen Satiremagazins „Charlie Hebdo“ Anfang Jänner ist für Experten und Frankreichke...

Wien (APA) - Das Attentat auf die Redaktion des französischen Satiremagazins „Charlie Hebdo“ Anfang Jänner ist für Experten und Frankreichkenner mit einer Attacke auf die laizistische Tradition Frankreichs, nach der Staat und Kirche strikt voneinander getrennt sind, gleichzusetzen. Das ging aus einer Diskussion im Republikanischen Club - Neues Österreich am Montagabend in Wien hervor.

Die Tradition des Laizismus sei genauso in der französischen Kultur verankert wie etwa die Meinungs- und Religionsfreiheit. „Frankreich ist ein Land der Konfrontationen“, erklärte Pierre Avedikian, Vorstand von „Francais du Monde“, einer Auslandsfranzosen-Vereinigung. Dass mit der Attacke auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ vor allem eine Riege von Atheisten, die sich gegen die rechtsextreme Front National eingesetzt hatte, ermordet wurde, könne gleichzeitig als Attentat auf diese Tradition verstanden werden. „Viele Franzosen, die demonstriert haben, haben „Charlie Hebdo“ nicht einmal gelesen. Aber die Satire und der Laizismus sind Teil der Kultur und der Grund, warum die Menschen auf die Straße gegangen sind“, so Avedikian.

Problematisch hält die Philosophin Isolde Charim, dass viele Menschen die Tat zu legitimieren versuchten. „Es ist absolut notwendig, dass das, was passiert ist, bedingungslos verurteilt wird.“ Einen Zusammenhang zwischen sozialen Missständen in Frankreich und Terror sieht sie nicht: „Man sieht an Lassana Bathily, das es das nicht gibt“, verwies sie auf jenen 24-jährigen Flüchtling aus Mali, der während der Geiselnahme in einem koscheren Supermarkt im Pariser Osten mehrere Kunden vor dem Terroristen Amedy Coulibaly versteckt hatte.

Fraglich ist für Charim weiters, ob die laizistische Tradition Frankreichs in einer multireligiösen Gesellschaft noch adäquat sei - sie würde oftmals als Feindseligkeit interpretiert: „Aus der Sicht vieler Migranten wird dieses Aufbegehren der Satire nicht als eine Aktion der Opposition gesehen, sondern als vorherrschend.“ „Charlie Hebdo“ hätte nach Ansicht des Journalisten Jerome Segal jedoch weitaus mehr Karikaturen gegen Katholiken verfasst: „Jedes Mal wenn der Papst eingeladen wird, gibt es eine Sonderausgabe. Man muss sich gegenüber der Religion kritisch äußern dürfen. Wenn das für manche Migranten als herrschender Diskurs betrachtet wird, ist das natürlich schade“, meinte er.

Für die Autorin und Zeichnerin Andrea Maria Dusl zeigt vor allem die Ermordung von vier Juden in einem französischen Supermarkt, dass es nicht nur um eine Attacke auf den Laizismus geht. „Das ist Religionsbrutalität“, meinte sie. „Die Attentate von Toulouse und Montauban, bei denen unter anderem eine jüdische Schule attackiert wurde, der Anschlag auf ein jüdisches Museum in Brüssel und auf eine Pariser Zeitung - man merkt, dass es jedenfalls Symbole einer Republik sind, die angegriffen werden“, folgerte Avedikian.

„Nach diesen Attentaten hat es jedoch keine Demonstrationen gegeben, der Ballhausplatz war nicht voll (anlässlich der Attentate auf „Charlie Hebdo“ hatte es in Wien eine große Kundgebung der Bundesregierung gegeben, Anm.) und die österreichische Regierung ist nicht angetreten“, betonte Charim. „Der Symbolgehalt des Attentates in Paris ist also eminent, so wie es auch bei den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA der Fall war“, so die Philosophin.