Authentische Stimmen einer brutalen Tat: „Der Kick“ im Burg-Vestibül

Wien (APA) - Es reichte, dass er nicht aus Potzlow stammte, dass er stotterte und sich anders anzog: Der 16-jährige Marinus wurde im Sommer ...

Wien (APA) - Es reichte, dass er nicht aus Potzlow stammte, dass er stotterte und sich anders anzog: Der 16-jährige Marinus wurde im Sommer 2002 nach einer durchzechten Nacht von drei Jugendlichen misshandelt, gequält und ermordet. Erst Monate später kam die Tat ans Licht. Im Vestibül des Burgtheaters stellt das Stück „Der Kick“ aktuell die Frage nach dem Warum - und bringt authentische Stimmen auf die Bühne.

Es sind viele, die hier zu Wort kommen: Andres Veiel hat gemeinsam mit Gesine Schmidt eine dokumentarische Theaterfassung der realen Ereignisse erarbeitet, die 2005 zur Uraufführung kam. Bei der Premiere am Freitagabend war es nun das junge Burg-Ensemble, das unter der Regie von Peter Raffalt in loser Montage Eltern, Freunde und Bekannte, aber auch die Täter selbst in kühles Licht tauchte, ihnen Gesicht und Emotion verlieh und letztlich doch keine Antworten gab.

Dafür sind die Standpunkte zu vielfältig, die Beziehungen zu weit auseinander, die Betroffenheit zu unterschiedlich: Den Eltern der im rechtsextremen Gedankengut verlorenen Brüder Marco und Marcel scheint auch nach Bekanntwerden der Tat ihrer Söhne die Vorstellung einer heilen, gemeinsamen Zukunft nicht unmöglich, während die Mutter des ermordeten Marinus an ihrer Not schier zugrunde geht. „Ich dachte, da kann ihm nichts passieren“, erinnert sie sich an den letzten Abschied ihres Sohnes.

Dazwischen kommen Staatsanwälte, Gutachter, Bürgermeister ins Spiel. Und alle bilden sich ein Urteil, erzählen ihre eigene Vorstellung der verhängnisvollen Nacht, während ein Freund von Marinus resigniert: „So etwas kann sich jederzeit wiederholen...“ Schließlich steht hier Potzlow auch stellvertretend für eine offenbar vergessene Gesellschaft, nach der Wende im wirtschaftlichen Abstieg gefangen, die Jugend der Orientierungslosigkeit ausgesetzt.

Raffalt begnügt sich in seiner knappen, gut 80 Minuten dauernden Inszenierung mit einem minimalistischen Ansatz, was das junge siebenköpfige Ensemble noch stärker in den Fokus rückt. Meist mehrere Rollen darstellend, switchen sie in Bruchteilen zwischen den Sichtweisen. Allen voran Magdalena Lermer als Mutter von Marinus sowie Aaron Röll als Marcel liefern dabei eine überzeugende Leistung ab und sorgen für eindringliche Momente. Moritz Winklmayr darf wiederum den Bezug zum Heute herstellen: Als Heiko, der ebenfalls genug hat von „Ausländern und Juden“, geht er auf den in der nahen Hofburg stattfindenden Akademikerball und die Proteste dagegen ein. „Wir sind kein braunes Gesocks, wir sind Akademiker“, entfährt es ihm. „Wir holen uns die Hofburg heute schon noch zurück.“

Und dann sind da noch die Stiefel: Mit ihnen fühlte sich Marcel besser, stärker, „damit kriegst du mehr Ansehen“, sagt er im Verhör. Er trug sie auch, als er Marinus auf den Kopf gesprungen ist. „Danach war schlagartig Ruhe.“ Sätze wie dieser geben Einblick in das Wesen der jugendlichen Täter und lassen den Abend zu einem bedrückenden Erlebnis werden. Die karge, mit einem Schiebeelement versehene Bühne (Dominique Wiesbauer) dient als Projektionsfläche für Ängste und Sorgen, Aggression und Verzweiflung. Langer Applaus für seine solide Leistung des gesamten Teams.

(S E R V I C E - „Der Kick“ von Andres Veiel und Gesine Schmidt im Burgtheater Vestibül. Eine Produktion der „Jungen Burg“. Regie: Peter Raffalt, Bühne & Video: Dominique Wiesbauer, Kostüm: Elke Gattinger, Licht: Norbert Gottwald, Musik: Matthias Jakisic. Mit Marlene Del Bello, Lara Feith, Magdalena Lermer, Josef Rabitsch, Frederik Rauscher, Aaron Röll und Moritz Winklmayr. Weitere Termine: 31. Jänner, 2., 6., 7., 15., 16., 17. Februar, 3. und 5. März. Informationen und Karten unter www.burgtheater.at)


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