Foxcatcher

Schwitzende Männer und ihr amerikanischer Traum

© Polyfilm

Nach „Capote“ und „Moneyball“ erzählt Bennett Miller in „Foxcatcher” eine weitere wahre Tragödie auf der Suche nach Unsterblichkeit.

Von Peter Angerer

Innsbruck –Der Programmierungszufall macht es möglich, dass gerade noch Gabe Polskys Dokumentarfilm „Red Army“ über den Sport als Propagandainstrument in der Sowjetunion im Kino zu sehen ist und am Wochenende mit „Foxcatcher” eine Aufarbeitung der US-kapitalistischen Gegenerzählung während des Kalten Kriegs startet. Waren es in „Red Army” Eishockeyspieler, die als Angehörige der Armee in den 80er-Jahren das olympische Eis beherrschten, sind es in „Foxcatcher” die Ringer, die zum Ruhm Amerikas und des Millionärs John E. du Pont auf den Matten schwitzen. Dabei lässt ein Film über Ringer eher Schlimmes erwarten, und tatsächlich wurde dieser Kampfsport vom Olympischen Komitee 2013 wegen mangelnder Attraktivität aus dem Programm genommen. Diese Entscheidung führte zu einer ungewöhnlichen Koalition, in der sich Barack Obama und Wladimir Putin gemeinsam für den Ringersport einsetzten, sodass auch 2020 in Tokio gerungen werden darf.

Ringen ist natürlich eine seltsame Disziplin, in der sich zwei erwachsene Männer mit raffinierten Griffen umklammern und durch eine Drehung oder Berührung aus dem körperlichen oder seelischen Gleichgewicht zu bringen versuchen. Sieger ist jener Ringer, der sich auf seinen Gegner legen und ihn so auf dem Boden fixieren kann. Damit lässt sich weder Ruhm noch Unsterblichkeit erringen, doch der Millionär John Eleuthère du Pont (Steve Carell) ist fasziniert von diesen muskulösen Männern, die in der Antike noch ohne lächerliche Hosen kämpften.

Mit Sprengstoff hat der Du-Pont-Konzern die US-Armee bei allen Kriegen beliefert, noch erfolgreicher waren die zivilen Patente der Chemieabteilung: Nylon und Teflon. John du Pont sammelt als Ornithologe seltene Vogeleier, als Philatelist teure Briefmarken, als Patriot Waffen und als Philanthrop Menschen, die man kaufen kann. Verblüffen können ihn nur noch Menschen wie der Trainer Dave Schultz (Mark Ruffalo), die sich seinen Kaufabsichten widersetzen. Daves jüngerer Bruder Mark (Channing Tatum) wurde für seine Entbehrungen zwar mit Olympia- und Weltmeistermedaillen belohnt, dennoch muss er in einer erbärmlichen Bretterbude hausen. Als Star in der kleinen Privatarmee aus Ringern auf der „Foxcatcher”-Ranch könnte der amerikanische Traum doch noch wahr werden, aber mit dem Einzug der Schultz-Brüder beginnt eine amerikanische Tragödie.

Im US-Kino ist die klassische Metapher für den Weg von unten nach oben – und manchmal auch umgekehrt – der Boxkampf. Beim Baseball ist das System etwas komplizierter, weshalb auch Bennett Millers „Moneyball” kaum in Europa zu sehen war. Aber sogar Millers Kinodebüt „Capote” war in gewisser Weise ein Sportfilm, wenn Philip Seymour Hoffman als Schriftsteller Truman Capote den „großen amerikanischen Roman“ zu schreiben versucht.

In „Foxcatcher” erweist sich Bennett Miller wieder als großer Schauspielerregisseur, der seinen Star Steve Carell zu einer denkwürdigen Leistung treibt. Den besten Auftritt hat jedoch Vanessa Redgrave als du Ponts Mutter Jean. Die alte Dame sammelt einer aristokratischen Idee folgend Zuchtpferde, die ihr Sohn verabscheut, obwohl er nichts gegen eine zünftige Fuchsjagd einzuwenden hat. Einmal fährt sie mit ihrem Rollstuhl in die Trainingshalle, um den aktuellen Spleen ihres Sohnes zu betrachten. Nach wenigen Sekunden hat sie genug gesehen und schießt auf den nach Zuneigung dürstenden Sohn ihre Strahlen der Verachtung ab. Das ist zugleich der Startschuss für eine Serie von Erniedrigungen, die aus dem Millionär einen Mörder machen.